„… das kürzt sich gegen diesen Teil der Gleichung weg und der Rest ist dann trivial!“

Mit einer großartigen Geste lässt Professor Leithold seinen Schwamm über die Tafel kreisen und dreht sich zu seinen Studenten um. Demütiges Schweigen beherrscht den Hörsaal. Plötzlich hebt sich in der dritten Reihe zögernd eine Hand.

„Ich glaube, sie haben sich da verrechnet, Herr Professor. Ganz unten links auf der oberen Tafel, ich glaube, da muss ein Minus vor.“

Einige der Zuhörer stöhnen genervt auf. Auch mir ist nicht klar, wie jemand den Ausführungen des Professors folgen kann, geschweige denn, auch noch soweit mitdenken, dass man dabei Fehler entdeckt. Aber der Streber bleibt beharrlich.

„Und wenn da ein Minus steht, dann können Sie da gar nichts kürzen. Die Lösung bleibt komplex“

„Das ist doch Unsinn!“, wischt Professor Leithold beiseite. Dann jedoch dreht er sich noch einmal zu seinen Aufzeichnungen an der Tafel um und sein Blick wird nachdenklich. Ich gähne. Die theoretische Physikvorlesung ist auch so langweilig genug, da muss nicht auch noch so ein Streberheini kommen und den Mann aus dem Konzept bringen. Ich will dem Schuldigen einen strafenden Blick zuwerfen, aber die dritte Reihe ist leer. Das gibt es doch nicht. Der Typ kann sich doch nicht einfach so verpisst haben.

Vorne an der Tafel hat Professor Leithold wieder zu rechnen begonnen, nicht laut für die Zuhörerschaft, sondern leise für sich. Er wischt hier etwas weg und kritzelt dort hektisch ein paar Nebenrechnungen an die letzten freien Stellen der Tafel. Ich glaube, ein leise gemurmeltes „Das gibt es doch nicht!“ verstehen zu können. Im Hörsaal wird es unruhig.

„Meine Damen und Herren, ich muss sie um etwas Geduld bitten. Ihr Kommilitone hat mich da gerade auf einen höchst interessanten Sachverhalt aufmerksam gemacht.“ Leithold kramt nervös in seinen Unterlagen. „Wenn das stimmen sollte, würde das bedeuten, dass die Newtonschen Gesetze gar nicht gelten.“

Als würden mich die Newtonschen Gesetze interessieren. Ich will endlich raus aus dem Hörsaal und in die Mensa zum Mittagessen. Plötzlich beginnt mein Bleistift vor mir zu schweben und auch mein College-Block hebt sanft vom Tisch ab. Ich will danach greifen, aber scheinbar genügt dieser kleine Impuls, um auch mich von meinem Sitz zu lösen und ich beginne, aufzusteigen. Entsetzt klammere ich mich an meiner Tischkante fest.

„Was zur Hölle ist das?“

Ich bin nicht der einzige, der unter der plötzlichen Außerkraftsetzung der Newtonschen Mechanik zu leiden hat. Auch Professor Leithold klammert sich krampfhaft an der Wandtafel fest, während seine Beine waagerecht in den Raum ragen. Einige meiner Mitstudenten hängen hilflos in den Höhen des Hörsaals, andere halten sich an ihren Klappsitzen und Tischreihen fest. Rucksäcke, Blöcke, Jacken und einige Handys schweben durch den Raum.

„Das muss ein Rechenfehler sein!“, schreit der Professor. „So etwas gibt es doch gar nicht. Das hat doch immer gestimmt.“ Langsam erscheinen auch mir Newtons Lehrsätze von einiger Wichtigkeit und ich beginne, mich stärker auf die Rechnung an der Tafel zu konzentrieren. Warum habe ich nur nicht besser aufgepasst in den letzen Wochen? Ich versuche, mein Physikbuch aus meinem Rucksack zu klauben, der etwa einen Meter über mir schwebt. Es gelingt mir mit einiger Mühe, aber nicht ohne dass mein Federmäppchen, ein paar benutzte Taschentücher und ein angebissener Keksriegel aus meiner Tasche flüchten können und in unterschiedliche Richtungen davonziehen. Ich muss diesen Fehler finden, damit die Gleichung wieder aufgeht. Hektisch beginne ich, in dem Buch zu blättern, was gar nicht so einfach ist, da ich mich ja festhalten muss, um nicht den Kontakt zu meinem Sitz zu verlieren und das Buch bei jedem Umblättern droht, wegzufliegen.

Warum kommt bloß der Professor nicht auf die Lösung, denke ich, schließlich ist das sein Fachgebiet. Aber Professor Leithold ist zu sehr damit beschäftigt, die Kreide wieder einzufangen, die ihm aus der Hand geschlüpft ist. Einigen meiner Kommilitonen scheint der Ernst der Lage nicht ganz klar zu sein und sie beginnen, Purzelbäume in der Schwerelosigkeit zu üben.

Da! Endlich habe ich die Seite über die Gravitationsgesetze gefunden. Eigentlich sieht das in dem Buch ganz einfach aus. Deren Lösungsweg scheint viel logischer als der von Leithold. Da kann gar nichts schief gehen. Angespannt starre ich noch mal auf die Tafel. Jetzt habe ich es verstanden. „Das ist doch Quatsch mit dem Minus!“, rufe ich. „Die erste Lösung war goldrichtig.“ Erleichterung durchzuckt Leitholds Gesicht, als er sich zur Tafel zurückhangelt, um das sinnlose Vorzeichen wegzuwischen.

Es gibt einen Knall, als die Schwerkraft wieder einsetzt. Studenten, Taschen, Jacken, etc. fallen zu Boden. Ich schlage hart mit der Stirn auf meinem Tisch auf. „Gerettet“, denke ich, als mir schwarz vor Augen wird.

Mein Kumpel Richard schüttelt mich unsanft. „Ey, alles in Ordnung? Du kannst doch nicht einfach so in der Vorlesung einpennen.“ Irritiert reibe ich meine schmerzende Stirn und sehe ich mich um. Alles sieht völlig normal aus, meine Mitstudenten sitzen entspannt auf ihren Plätzen und Professor Leithold ist gerade dabei, die Tafel auszuwischen. Ich erhasche noch einen kurzen Blick auf die Formeln, bevor sie unter seinem Schwamm verschwinden. „Ich hab’s verstanden!“, murmele ich glücklich.

Advertisements