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Es ist November. Es ist NaNoWriMo-Zeit. Eigentlich wollte ich dieses Jahr so gar nicht. Die letzten beiden Jahre waren eher katastrophal. Vor zwei Jahren bin ich nach nur wenigen Kapiteln gescheitert, weil mir plötzlich auffiel, dass die Welt wirklich keine lesbische Golf-Caddie-Spionage-Bodyguard-Romanze in Briefform braucht und ich mich nach dieser Erkenntnis nicht mehr motivieren konnte. Letztes Jahr hatte ich am Vorabend des NaNoWriMo eine umwerfende, revolutionäre Idee für eine Geschichte über Gladiatorenspiele in einer futuristischen Version von Assyrien, habe aber nicht ein einziges Wort in die Tastatur gehauen.

Außerdem fahre ich in ein paar Tagen in Urlaub. Und auf der Arbeit bin ich im Moment gut ausgelastet und kann nicht mal eben zwichendurch ein paar Kapitelchen in den Texteditor hauen, wenn keiner guckt. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich die Zeit zusammenkratzen sollte, jeden Tag 1667 Wörter zu schreiben. Zumal ich seit dem gescheiterten Golf-Roman eigentlich gar nichts mehr geschrieben habe. Einmal noch ein halbherziger Versuch einer Leverage-Fanfiction Geschichte, wenn ich mich recht erinnere. Aber sonst? Ich hatte das Gefühl, ich weiß gar nicht mehr, wie schreiben geht.

Aber ich folge ja auf Twitter etlichen NaNo-Autoren und anderen Schreiberlingen. Und wie das so ist: während die alle im Laufe des Oktobers immer aufgeregter wurden und eifrig über ihre Vorbereitungen, ihre Charaktere und ihre neuesten Schreibgimmicks twitterten, regte sich in mir doch eine gewisse Sehnsucht, wieder mit zu schreiben.

Angemeldet habe ich mich diesmal aber wirklich erst am 1. November. Und auch erst da die Entscheidung getroffen, was ich schreiben wollte. Ein historischer Roman soll es diesmal werden, über Thusnelda, die Frau von Arminius. Römer, Germanen, Varusschlacht, Familienfehde, Love-Story … Der Stoff fasziniert mich schon sehr lange, eigentlich seit ich 1998 oder so das erste Mal in Kalkriese im dortigen Museum gewesen bin.

Da der 1. November ja ein Feiertag ist, starte ich, wie wohl viele NaNoWriMo-Autoren, normalerweise am ersten Tag mit ein paar tausend Wörtern durch. Doch diesmal war es anders. Erstens war ich morgens Golf spielen. Also, ich habe morgens angefangen. So eine Golf-Runde zieht sich ja doch über mehrere Stunden. Mit Käffchen und Schwätzchen hinterher war ich doch erst wieder Spätnachmittags zu Hause. Und dann hatte ich ja diesmal wirklich nichts vorbereitet und habe erst einmal ein paar Stunden damit verbracht, einen Soundtrack zusammen zu stellen, Bilder für meine Protagonisten zu sammeln, ein Mock-Cover zu entwerfen etc.

Böse Zungen würde das wohl als Prokrastrinieren bezeichnen. Und tatsächlich habe ich das eigentliche Schreiben bis in die späten Abendstunden vor mir her geschoben und am ersten Tag so auch nur magere 750 Wörter zusammen bekommen. Es lief überhaupt nicht. Der zweite Tag war auch noch recht zäh. Ich war kurz davor zu glauben, dass ich das Schreiben wohl wirklich in den letzten Jahren irgendwie verlernt habe. Aber am dritten Tag gab es dann doch noch eine verspätete Initialzündung. Nämlich, als Thusnelda und Arminius das erste Mal aufeinandertreffen. Da konnte ich mich plötzlich entspannt zurücklehnen und die Geschichte begann, sich selbst zu schreiben.

Jetzt zeigte sich auch so langsam, dass die Mühe, die ich in Auswahl des Soundtracks und der visuellen Vorbilder für meine Charaktere gesteckt hatte, nicht umsonst war. Diese Kombination aus Hintergrundmusik und im Focuswriter sichtbarem Hintergrundbild schaffen einen virtuellen Raum, in dem die Geschichte sich entwickelt, ohne dass ich da irgendetwas forcieren muss. Das lässt sich schlecht beschreibe. Es ist fast eine Art Magie. Ich setze mich in diesen Raum wie in ein Kino und statt mir irgendetwas aktiv „ausdenken“ zu müssen, schreibe ich einfach nur als passive Beobachterin auf, was vor meinen Augen passiert. Ich kann gar nicht mehr aufhören. Wenn mein Soundtrack nicht nach ca. 1 1/2 Stunden stoppen und mich so aus meiner Trance reißen würde, würde ich wahrscheinlich einfach tippend in meinem Knautschsessel sitzen bleiben, bis ich irgendwann eine vertrocknete, verhungerte Mumie bin.

Wenn ich jetzt zögere, an einem Tag mit dem Schreiben anzufangen, dann liegt das nicht daran, dass ich keine Lust habe. Im Gegenteil. Es ist eher so, dass ich weiß, dass ich, wenn ich einmal angefangen habe, nichts, aber auch gar nichts anderes mehr tun werde an diesem Tag. Das Schreiben, das Eintauchen in diese Welt voller Romantik, Intrigen und Abenteuer, ist wie eine Sucht und ich bin wie ein Alkoholiker, der verzweifelt versucht, den ersten Schluck des Tages so lange wie möglich herauszuzögern. Jedes gelesene Buch, jeder Film, jede Fernsehserie verblasst gegen diesen Prozess des selber Erzählens und Erlebens.

Der Alltag fühlt sich dagegen seltsam gehetzt an. Nur schnell schnell alles erledigt, was getan werden musst. Statt frischem Gemüse gibt es diese Woche nur Fertiggerichte. Der Friseurbesuch, der eigentlich vor dem Urlaub noch dringend nötig wäre, muss leider ausfallen. Koffer packen? Äh, ja, morgen. Hauptsache es bleiben am Ende des Tags zwei, drei Stunden übrig, um sie in den Wäldern Germaniens zu verbringen.

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