Im Mai 2003 verbrachte ich mit Sören, auch bekannt als BuschnicK, eine Woche Urlaub auf der Kykladeninsel Santorin. Diese Insel, ein Reststück eines alten riesigen Vulkankraters, ist landschaftlich wirklich spektakulär, aber auch ein relativ überlaufenes Touristennest.

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Heraklion, oder: Kleinere Umwege müssen in Kauf genommen werden

Der aufmerksame Beobachter hat es schon bemerkt: Heraklion steht über dieser Seite. Kleine Zusatzinformation für Erdkunde-Legastheniker und Nicht-Griechenland-Reisende: Heraklion ist nicht auf Santorin, sondern auf Kreta, also ungefähr 120 km weiter südlich. Was also machen wir hier? Naja, recht einfach, wir haben uns sozusagen verflogen.

Irgendwie ging die Vorbereitung für diesen Urlaub ein bisschen im Umzugsstress unter, ich habe noch bis Sonntag nacht um zwei Uhr Kisten ausgepackt und Schränke eingeräumt. Da blieb einfach keine Zeit, noch mal genauer auf’s Ticket zu gucken. Und ich war auch fest überzeugt, unser Flieger ginge um kurz nach 15 Uhr. Bis zu dem Moment am Flughafen, als Santorin nicht auf der Anzeigetafel zu finden war. Da habe ich dann noch mal, immer noch recht selbstsicher, auf unser Ticket geguckt. Und direkt danach Kinnlade und Rucksack gleichzeitig fallen lassen. „Das glaub ich jetzt nicht!“ Ich hielt Sören das Ticket unter die Nase und deutete fassungslos auf die vermerkte Abflugzeit: 6:05 Uhr. Na prima! Da waren wir ja auch nur 7 h zu spät am Flughafen.

Was tut man in so einem Moment? Erstmal herzhaft über die eigene Schusseligkeit lachen . Dann Alltours-Schalter suchen und gucken, ob denen was einfällt. Sören blieb erstaunlich stoisch und fügte sich in unser Schicksal. Was hätte er auch sonst tun sollen? Ich erwog kurz, in hysterische „ohmeingottwirhabenunserenfligerverpaßtderganzeurlaubistimeimer“-Panik zu verfallen, entschied mich aber dagegen, oder zumindest, damit zu warten, bis wir gehört hatten, was die freundliche Frau vom Alltours-Schalter uns vorschlagen würde. Diese erwies sich als wahres Goldstück und schaffte es, uns nach einem anfänglichen „Ach Du meine Güte“ und „Das sieht aber ganz schlecht aus, der nächste Flug geht erst am Samstag“ dann blitzschnell nach Heraklion umzubuchen. Der Flieger ging um 14.10 Uhr und schwups waren wir auf Kreta. Ist ja auch eine ganz schöne Insel. Beeindruckende Berge. Unser Plan war aber nicht, hier zu bleiben, schließlich wartete in Oia ein exklusives Höhlenwohnungs-Apartment am Kraterrand auf uns. Also schnell noch Fährtickets für den nächsten (heutigen) Abend besorgt und eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht. Gelandet sind wir in der örtlichen Jugendherberge (nicht zur Nachahmung empfohlen, ich bin da echt nicht empfindlich, aber diese war echt unter aller Kanone, total verdreckt, geradezu supersiffig)

Gut geschlafen habe ich nicht, eine Zimmermitbenutzerin schnarchte zum Gotterbarmen und außerdem hatte ich weder Schlafsack noch Decke sondern musste mir mit Strandhandtuch und Schultertuch behelfen. Heute Morgen standen wir dann in Heraklion und wussten nicht recht, was mit dem Tag anfangen. In der Stadt bleiben wollten wir beide nicht. Allzu weit entfernen konnten wir uns aber auch nicht, weil wir ja ein Schiff kriegen mussten. Sörens Methode, mit der Situation umzugehen, war folgende: er suchte sich den auffälligsten und höchsten Berg der Umgebung, zeigte drauf und beschloss: „Da gehen wir jetzt rauf.“ Leiser Protest meinerseits: „Sören, Du spinnst, das sind mindestens 20 km bis der Berg überhaupt anfängt“ „Quatsch, das sieht ganz nah aus, komm!“

Naja, ich meine, wir hatten ja eh nichts Besseres vor. Ich handelte also mit Sören aus, dass wir spätestens um 14 Uhr umkehren würden, egal, wie weit wir gekommen wären, und wir zogen los. Zu Fuß natürlich. Mit all unserem Gepäck natürlich (spätestens jetzt war ich echt froh über meinen Entschluss, den Koffer zu Hause zu lassen und nur einen Rucksack mitzunehmen). Nach ca. 2 h Fußmarsch durch Staub, Straßenlärm und Gestank aber auch einem ganzen Stück vom echten untouristischen Kreta hatten wir Heraklions Häuser und einen Großteil der unmittelbar anschließenden Touri-Meile hinter uns gelassen. Wir ließen unser Gepäck an einem vertrauenswürdig aussehenden Souvenirladen zurück und zogen unbeschwert weiter auf die Berge zu.

schlucht

Mit der Wahl unserer Route haben wir einen echten Glückstreffer gelandet. Sie führte uns durch eine wunderschöne und sehr wildromantische Schlucht. Wir kamen gut voran, zumindest zu Anfang, und fast fing ich an, selbst an die Durchführbarkeit dieser Gebirgsexpedition zu glauben. Aber dann, etliche Flussüberquerungen, Ziegenglocken und Ginstersträucher später, machte uns die Topologie der Landschaft einen Strich durch die Rechnung. Es blieb nur noch der Weg nach oben, die steile aber recht gut erklimmbare Seitenwand der Schlucht hinauf.

Eigentlich habe ich keine direkte Höhenangst, aber ich bin eben ein vorsichtiger Mensch und bei mehr als 100 m wirklich steilen Abhang unter mir verlassen mich dann irgendwann die Nerven. Zumal mir eine warnende innere Stimme sagte, ich müsse ja auch irgendwann wieder runter, ein Gedanke, der mir zu diesem Zeitpunkt bereits sehr unangenehm war. Ich meldete also vorsichtige Bedenken an. Sören zeigte Verständnis und bot sich an, vorauszuscouten. Ich platzierte mich also auf einem halbwegs bequemen Felsvorsprung mit gigantisch schöner Aussicht und Sören verschwand für eine ¾ h aus meinem Leben. Ist schon spannend, was für morbide Gedanken einem kommen, wenn man so alleine auf einem Felsvorsprung sitzt.

Sören hat mich dann auf dem Rückweg seines Erkundungsganges auch tatsächlich wiedergefunden und mehrere verlockende Alternativen für den weiteren Weg vorgeschlagen. Aber auch er musste jetzt einräumen, dass unser eigentliches Ziel, der spitze kegelförmige Berg, tatsächlich noch ziemlich weit entfernt war. Aus Zeitgründen beschlossen wir, doch wieder an Ort und Stelle abzusteigen, was sich als sehr viel unproblematischer erwies, als ich befürchtet hatte, und wir kamen pünktlich und unversehrt wieder bei unseren Sachen und später per Bus auch wieder in Heraklion an. Nach einer kleinen Stärkung begaben wir uns als zwei der ersten Passagiere an Bord der Daedalus , wo ich jetzt sitze und diese Zeilen schreibe.

Das schöne an solch einer Tour zu Fuß ist ja meiner Meinung nach nicht unbedingt, sein Ziel zu erreichen oder die damit verbundene sportliche Anstrengung, sondern die vielen kleinen Details, die man nur so bemerkt und die einem wohl sonst verborgen geblieben wären. Was das angeht, waren die Highlights des heutigen Tages:

  1. Der von Vögeln bewohnte Stromverteilerkasten, in dem sich gleich mehrere Familien eingerichtet hatten, säuberlich durch die Fächer des Kastens voneinander getrennt, ein Mehrfamilien-Apartment-Haus für Meisen, sozusagen.
  2. Die mich aus dem Dunkel einer kleinen Höhle belauernde Ziege.
  3. Das „Pop-In“ Cafe (zu dem Sören sehr treffend bemerkte, da bekomme die Bezeichnung „Stehcafe“ doch eine ganz neue Bedeutung)

Bilderbuchpanorama

Der Rest unserer Umweg-Route verlief absolut reibungslos. Vom Fährhafen brachte uns der Linienbus auch zu dieser späten Stunde noch nach Fira. Von dort mussten wir dann ein Taxi nach Oia nehmen, das sich aber mit 10 € durchaus noch als bezahlbar herausstellte. Die Taxifahrt war, wie nächtliche Taxifahrten vielleicht überall auf der Welt (zumindest überall, wo ich es ausprobiert habe) rasant und ein wenig beängstigend.

hoehle

Die Rezeption der „Olympic Villas“ war sogar noch auf. Nicht etwa, weil man noch mit unserer Ankunft gerechnet hätte, sondern eher, weil der freundliche Grieche am Empfang gerade damit beschäftigt war, im Internet zu surfen und gleichzeitig bei völlig verrauschtem Empfang „Der weiße Hai“ im Original anzuschauen. Obwohl er uns wohl schon am vorgestrigen Tage als verschollen aufgegeben hatte, schien er aufrichtig erfreut, uns zu sehen und unsere Höhlenwohnung war auch noch frei. Und die ist einfach großartig. Sehr sauber und bärig gemütlich. Außerdem bleibt sie auch bei der größten Hitze draußen, angenehm kühl.

Das Beste aber konnten wir erst heute Morgen nach dem Aufstehen bewundern: der Blick. Der ist nämlich wirklich einfach ein Traum. Überhaupt ist alles, was wir bisher von Santorin gesehen haben (ist nicht viel, beschränkt sich auf das Örtchen Oia und den anliegenden Hafen) einfach wunderhübsch anzuschauen. Es ist irgendwie ein bisschen „unehrlich“, man merkt, dass das alles in erster Linie der Touristen wegen so adrett und hübsch hergerichtet wird, aber das Ergebnis ist wirklich, dass es überall aussieht wie in einem Hochglanz-Reiseprospekt. Außerdem ist die Insel noch sehr grün (ich bin überzeugt, dass es im Hochsommer viel trostloser aussieht) und über und über mit Blumen bewachsen, einfach traumhaft.

Wir haben aber heute, nach den doch recht strapaziösen letzten Tagen, eine ganz ruhige Kugel geschoben, lecker gekocht, viel gelesen und einfach ausgespannt.

hund

Ich hatte vor dem Urlaub im Internet gelesen, dass es viele verwahrloste Straßenkatzen und –hunde auf Santorin geben soll. Zumindest für Oia kann ich das bisher nicht so bestätigen. Zwar gibt es viele frei herumlaufende Katzen und Hunde, aber die machten auf mich alle einen ausgesprochen zufriedenen und auch wohlgenährten Eindruck. Die meisten Hunde tragen auch ein Halsband und scheinen also auch irgendwohin zu gehören. Gebettelt hat auch keiner von ihnen, also gehe ich davon aus, dass sie auch nicht allzu hungrig waren. Kein Vergleich zu den doch recht ausgemergelten Katzen und Hunden, die in Heraklion die Müllsäcke an den Straßenecken durchforschten.

Der Berg des Propheten: Wanderung zum Prophitis Ilias

Der Tag startete mit der Feststellung, dass man tatsächlich bis nach Kreta gucken kann. Sogar von unserem Apartment aus. Die Insel ist immerhin 120 km von hier entfernt. Aber man kann die hohen und um diese Jahreszeit noch schneebedeckten Gipfel gut erkennen. Wir beschlossen, am Kraterrand entlang nach Fira zu laufen und von dort aus dann einen Bus nach Kamari oder Perissa zu nehmen und den höchsten Berg der Insel, den Profitis Ilias, zu besteigen.

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Der Weg am Kraterrand entlang ist wirklich ausgesprochen schön. Die Gehzeit war im Reiseführer mit 4 h angegeben, aber wir sind mit 3 h gut ausgekommen, obwohl wir noch einen Abstecher zum Skaros Felsen hinunter gemacht haben. Von der ehemaligen Burganlage dort sind nur noch ein paar kümmerliche Mauerreste übrig, und auch sonst hat man dort den Eindruck, dass einem der Boden unter den Füßen wegbröckelt. Ich war jedenfalls froh, nach der Umrundung des Felsens wieder festen Grund unter den Füßen zu haben.

kameraden

Weiter ging es nach Fira, wo wir uns ein ausgiebiges und inzwischen wohlverdientes Mittagessen in einer Taverne namens „Stamna“ gönnten. Weiterempfehlen würde ich sie allerdings nicht, das Essen war weder besonders gut noch besonders preisgünstig. Dummerweise haben wir dann den Bus nach Kamari knapp verpasst. Da wir keine Lust hatten, eine Stunde zu warten, beschlossen wir, zu Fuß bis zum Profitis Ilias zu laufen. Weil wir nicht an der Hauptstraße entlang laufen wollten und es keinen entsprechenden Fußweg zu geben schien, machten wir uns querfeldein auf den Weg. Die hiesigen Weinberge lassen sich gut und ohne größeren Flurschaden anzurichten, durchwandern. Allerdings spielt einem die Bodentopologie so manchen Streich. Die Hänge, die vom oberen Kraterrand aus recht gleichmäßig aussehen, sind bei näherer Betrachtung, also wenn man selbst mitten drin steht, doch recht zerklüftet. Aber wir kamen doch mehr oder weniger zügig voran. Schließlich stießen wir, kurz vor der Ortschaft Pirgos, doch wieder auf die Straße und folgten dieser dann durch den Ort und auf den Gipfel hinauf. Der Gipfel selber war recht enttäuschend, da er durch eine militärische Radaranlage völlig verbaut ist, so dass man keinen rechten Rundumblick genießen konnte. Außerdem war es dort oben sehr windig und fast schon zu kühl um doch länger dort aufzuhalten.

Der spannendste Teil unserer Wanderung war der Abstieg. Nicht nur, dass wir den im Reiseführer und auf der Wanderkarte einhellig angekündigten Wanderweg erst beim zweiten Anlauf fanden, wir verloren ihn auch gleich wieder. Das war erst mal nicht so schlimm, die ungefähre Richtung in die wir wollten war klar, nämlich auf die weithin sichtbare Serpentinenstraße zu, die sich von Kamari aus auf den Bergsattel zwischen Profitis Ilias und Alt-Thera schlängelt. Und nach einer Weile konnten wir auch den Weg wieder sehen. Das Dumme war nur, dass er sich senkrecht unter uns befand und zwar so ca. 30 – 50 m weiter unten. Ein Stück weit konnte man sich noch serpentinenartig am immer steiler werdenden Hang entlangschlängeln, aber dann war Schluss mit lustig. Oder, wie Sören es formulierte: „Links wäre spannend, rechts weiß ich noch nicht so genau…“, was übersetzt etwa soviel heißt wie: „Links wäre Selbstmord, rechts haben wir vielleicht eine Überlebenschance aber ich kann nicht bis unten gucken…“.

felswand

Wir entschieden uns für rechts, traversierten noch ein Stück an der Felswand entlang (wobei ich ein zweites Mal in diesem Urlaub feststellt, dass ich so völlig schwindelfrei dann doch nicht bin) und fanden dann eine Wasserrinne zum Absteigen. Eigentlich waren das geradezu ideale Kletterfelsen und gleich so viele davon, und ich hätte mich mit Gurt und Seil und den entsprechenden Kletterschuhen dann auch gleich viel wohler gefühlt als mit meinen Sandalen. Der Rest des Weges war dann pures Vergnügen. Und wir kamen gerade pünktlich zum Bus von Kamari zurück nach Fira und von dort auch gut nach Oia zurück.

Überflüssig zu erwähnen eigentlich, dass wir uns trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einen Sonnenbrand geholt haben. Aber dafür haben wir jetzt auch das Gefühl, den größten Teil der Insel an einem Tag erkundet zu haben.

Kleine Entdeckungen

Total verchillter Tag, irgendwie. Lange geschlafen, ich bis halb elf, Sören bis zwölf Uhr. Nach der langen Wanderung von gestern waren wir beide nicht so richtig in Stimmung für weitere Heldentaten. Wir haben uns nach dem verspäteten Frühstück erst mal den Weg zum Hafen gesucht, um zu gucken, ob, wann und wie oft da die Ausflugsschiffe zu den Vulkaninseln abfahren.

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Die Treppe, die von Oia aus zum kleinen Armeni Hafen führt, haben wir nach einigem Suchen auch gefunden. Sie war, wie Treppen hier eben so sind: lang, uneben und holperig. Der Hafen ist niedlich. So richtig und total tote Hose. Wir sind dann in die einzige Taverne eingekehrt und haben eine Cola getrunken und hofften, vom Wirt etwas über die Ausflugsschiffe zu erfahren, die, ein kleines Schild verkündete es stolz, täglich um 10.15 Uhr von hier fahren. Aber der Gute sprach weder Deutsch noch Englisch und mein Griechisch geht ja nun über ein freundliches „Kalimera“ auch nicht hinaus.

Aber wir hatten Glück, denn als wir uns gerade niedergelassen hatten, legte ein winziges Schiffchen an, und der Kapitän erwies sich als genau der Mann, den wir suchten. Er hatte wohl gerade Pause, vielleicht seine Besucher gerade auf der Nachbarinsel abgesetzt, oder er hatte am heutigen Tag gar keine Besucher gehabt. Auf jeden Fall versicherte er uns, dass er wirklich täglich fahre, also auch sonntags und dass eine Fahrt 15 € koste. „Great trip, all the islands, volcano island, hot springs, Thirassia Beach…“, oder so ähnlich. Schätze, da wird er uns wohl am Sonntag bei sich an Bord begrüßen dürfen, vorrausgesetzt, ich kriege Sören pünktlich aus dem Bett, für den diese Unternehmung deutlich vor dem Aufstehen anfängt.

Wir kämpften uns also die Treppen wieder hoch und gingen in unserem Lieblingssupermarkt einkaufen. Ich kaufte Zutaten für Spaghetti mit Schinken-Sahnesoße und Sören kaufte gebrauchte Bücher. Dann haben wir gemütlich gekocht und uns danach zum Lesen in den Schatten gesetzt. Wenigstens einmal mussten wir natürlich auch unseren Hotelpool ausprobieren, der ist nett und sauber, aber wirklich sehr klein. Richtig schwimmen ist da kaum möglich. Ein Grieche aus der Nachbaranlage wies mich lautstark zurecht, weil ich seine statt unserer Treppe benutzte, um vom Pool zurück zum Apartment zu kommen. Ich fand das total albern und überflüssig, nutz ich seine Treppe ab, oder was? Es scheint sich aber um einen Territorialkampf mit Tradition zwischen den beiden Hotelbesitzern zu handeln.

Am Abend habe ich dann noch mal einen ausgedehnten Spaziergang unternommen. Allein diesmal, Sören hatte keine Lust, der war aufgrund seines Bücherkaufes deaktiviert und in Lesestarre verfallen. Ich bin dann die Straße entlang Richtung Armoudi Harbour gelaufen und nach rechts zum Karpathos Beach abgebogen. Der ist schwarz, schotterig und nur über einen sehr steilen „Weg“ zu erreichen. Aber er war natürlich menschenleer. Den gleichen Weg zurück wollte ich nicht nehmen, also habe ich mich weiter ins Hinterland vorgekämpft, wurde aber von einem tiefen Einschnitt in der Landschaft aufgehalten. Ich habe mich dann über kleine, wild bewachsene Terrassen zu einer winzigen Kirche oder Kapelle hochgearbeitet, weil ich dachte, von dort müsse doch eigentlich ein Weg wegführen.

kapelle

Und richtig: dort begann ein Pfad. Wie Pfade hier so sind, neckte der mich ein wenig, verschwand hin und wieder, um dann doch unvermittelt wieder deutlich aufzutauchen. Es war recht kurzweilig. Im Endeffekt landete ich wieder auf der Straße nach Oia, vorbei an der Rückseite eines Schildes, auf dem von vorne wohl so was wie „Betreten verboten“ stand. Kann ich was dafür? Auf meiner Seite stand kein Schild. Außerdem kann ich ja sowieso kein Griechisch.

sunset

Ich kam gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder in Oia an, und die Sonnenuntergänge hier sind ja weithin berühmt. Tatsächlich hatte sich eine stattliche Touristenmenge versammelt und bevölkerte mit Fotoapparaten bewaffnet Cafés, Mäuerchen und Treppen. Ich habe ein paar Pflichtfotos geschossen und darauf verzichtet, das Spektakel bis zum Ende zu verfolgen. Tatsächlich ging die Sonne auch ganz ohne mein Zutun unter. Auf dem Rückweg besorgte ich noch kurz eine Flasche Rotwein, kretischen allerdings, santorinischer war für meine 4 €, die ich dabei hatte, nicht zu bekommen, und wir ließen den Abend gemütlich ausklingen.

Akrotiri, ein Bootsausflug und das Geheimnis der dritten Treppe

Da hat mich doch zwischendurch die Schreiblust etwas verlassen. Inzwischen haben wir unsere Sachen gepackt und unsere kleine Piratenhöhle geräumt. Jetzt sitzen wir am Hotelpool (dem zweiten, versteckten, etwas größeren, den wir erst kurz vor der Abfahrt gefunden haben) und verdöseln unseren letzten Urlaubstag. Das gibt mir die Zeit, die Erlebnisse der letzten beiden Tage zusammenzutragen und aufzuschreiben. Samstag waren wir in Akrotiri. Hingefahren sind wir mit dem Bus. Ich finde ja Linienbusfahren eine total geniale Fortbewegungsweise im Urlaub. Die Busse auf Santorin sind neben einem Fahrer auch noch mit einem Ticketverkäufer besetzt, der gleichzeitig der persönliche Assistent des Busfahrers ist und so wichtige Aufgaben übernimmt wie das Putzen der Windschutzscheibe, das Zurechtweisen von flegelhaften Fahrgästen und das Ausrufen von Haltestationen. Der kleine, schmale und auf lächerliche Weise zappelige junge Mann, der die Strecke von Oia nach Fira begleitet, nimmt seinen Job ganz besonders ernst und mutet dabei an wie ein übereifriger Zauberlehrling. Wahrscheinlich träumt er von einer Karriere als Busfahrer.

Der Bus brachte uns gleich bis zur Ausgrabungsstätte in Akrotiri, wo eine in vorklassischer Zeit durch einen Vulkanausbruch verschüttete Siedlung zurück ans Tageslicht geholt wird. Von der zugehörigen modernen Ortschaft haben wir daher nicht viel gesehen. Beim Durchfahren sah es aber sehr viel ursprünglicher und weniger touristisch aus als Oia. Dafür fehlt aber der dramatisch-schöne Kratersteilhang.

Die Ausgrabungsstätte bekommt zurzeit ein neues Dach. Außerdem gerieten wir mitten in eine Horde kulturbeflissener Franzosen, die an jeder sinnvollen und –losen Stelle stehen blieben und die engen Wege verstopften. Dadurch konnten die Ruinen, die mich sonst sicher sehr beeindruckt hätten, mich nicht wirklich in ihren Bann ziehen und ich war froh, als wir wieder draußen waren. Wenigstens hat der Spaß uns nichts gekostet, weil wir beide einen Studentenausweis vorzeigen konnten.

kloster

Wir haben uns dann für eine Wanderung am Strand entlang nach Ulychada entschlossen. Das Gehen auf Sand und Kies war ein wenig mühsam und an zwei Stelen hatte man die Wahl, ein paar Felsen zu überklettern oder ins Wasser auszuweichen  (wir entschieden uns für das Wasser), aber die Kulisse war großartig. Die gesamte Südküste wird von zerklüfteten und ausgewaschenen Sandsteinfelsen bestimmt, die herrlich zum Klettern wären, wenn sie nicht so bröckeln würden. Anzusehen waren sie jedenfalls wunderschön. Im kleinen Hafen von Ulychada kehrten wir im Fischrestaurant Limaki (oder so ähnlich) ein und gönnten uns ein teures aber ganz vorzügliches Fischessen. Danach folgten wir dann parallel zur Küste der Straße nach Perissa.

In Perissa trennten sich unsere Wege. Ich hatte keine rechte Lust mehr, noch weiter zu laufen, vor allem, weil ich aus der Sonne wollte und entscheid mich, den Bus zurück nach Fira und weiter nach Oia zu nehmen. Sören wollte unbedingt noch einmal über den Berg und schauen, ob man zu dem Kloster, das da in einer riesigen Aushöhlung steht, hinaufkann.

Das Warten auf den Bus war nett, da ich an der Bushaltestelle auf eine Gruppe älterer Engländer stieß, die nach eigenen Aussagen bereits seit anderthalb Stunden vergeblich an der Haltestelle saßen. Sie hatten aber ihre gute Laune dadurch keineswegs verloren und nahmen das ganze mit viel Humor. Irgendwann kam der Bus dann doch und auch der Anschluss nach Oia ging problemlos. Allerdings war dieser zweite Bus völlig überfüllt, so dass unser Zauberlehrling tüchtig ins Schwitzen geriet, bei dem Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Sören traf erst nach 22 Uhr wieder in unserer Höhle ein, da er sich entschieden hatte, auch den restlichen Weg zu Fuß zurückzulegen. Nach meiner Rechnung muss er somit an dem Tag ca. 40 km gelaufen sein, vielleicht auch noch ein bisschen mehr. Stramme Leistung, wie ich finde.

Gestern, also am Sonntag (Sonntage scheinen hier niemanden größer zu beeindrucken, alle Läden haben geöffnet, die Busse fahren wie üblich etc.), beteiligten wir uns an der unvermeidlichen Bootsausflugstour auf die Vulkaninseln und nach Thirassia. Es war ganz nett. Neo Kameni, die jüngere der beiden Vulkaninseln, ist wirklich junges, neues und noch sehr ödes Land. Es wächst Heidekraut und sporadisch vorkommende andere bodennahe Pflanzen. Insgesamt ließe sich die komplette Flora wohl an zwei Händen, wenn nicht gar an einer Hand, abzählen. Die Fauna ist noch ärmer. Ich habe zwei verschiedene Schmetterlinge gesehen, außerdem gibt es Möwen. Und natürlich etliche Vertreter der Gattung Homo Sapiens Sapiens, aber die können wir hier vernachlässigen, die fahren mit dem Touriboot nach einer guten Stunde wieder ab. Tanz auf dem Vulkan, ein fröhliches Gesellschaftsspiel für 100 und mehr rucksackbewehrte Teilnehmer. Der Rest ist Schotter, Basalt und Geröll.

Nächster Stop waren die heißen Quellen von Palea Kameni. Die waren klasse. Zuerst musste man vom Boot aus ins Wasser (Mittelmeer im Mai ist jetzt auch nicht sooo warm) und konnte sich dann schwimmend oder watend, das Wasser war nicht wirklich tief; der kleinen Bucht mit den heißen Quellen nähern, wobei das Wasser um einen herum angenehmerweise immer wärmer wurde. Dann konnte man eine Weile im badewannenwarmen, aber ziemlich trüben und schlammigen Wasser plantschen. Leider musste man aber irgendwann auch wieder zurück zum Boot, wobei das Wasser um einen herum unangenehmerweise wieder immer kälter wurde. Aber es war alles in allem auf jeden Fall ein lohnendes Erlebnis.

Letzter Halt der Bootstour war dann Thirassia, die kleine Schwesterinsel von Santorin. Nach der Landung im Hafen folgte der unausweichliche Treppenaufstieg nach Manola, dem einzigen nennenswerten Ort der Insel. Bis auf ein paar Restaurants direkt über dem Hafen wirkt der Ort absolut untouristisch und gefiel mir gerade deshalb ausgesprochen gut.

Dummerweise sind Sören und ich dann doch noch in die Touri-Falle geraten, als wir in einem der Restaurants einkehrten. Es gab keine Speisekarte, was uns misstrauisch hätte machen sollen. Stattdessen wurden uns die Delikatessen des Hauses von einer zahnlosen, ungepflegt wirkenden alten Frau aufgezählt: „Chicken, Pork, Fish, Kalamari…“ Ich entschied mich für Hähnchen, Sören nahm Fisch. Außerdem bestellten wir jeder eine Cola. Das Ergebnis war für jeden ein gegrillter Spieß, auf dem sich neben Spuren der jeweiligen Fleischsorte noch ca. 4 Möhrenstücke befanden, sowie eine kleine handvoll Pommes, die nicht richtig durchgegart waren. Geschmacklich war gegen den Spieß nichts einzuwenden, aber die Rechnung von 17 € fanden wir doch ziemlich saftig.

Sören hatte zudem das zweifelhafte Vergnügen, die sanitären Einrichtungen auszuprobieren, die zugegebenermaßen landschaftlich sehr spektakulär am Kraterrand gelegen waren. Ansonsten überzeugte mich Sörens Schilderung jedoch, dass ich es auch problemlos noch bis zur Rückkehr in unser Apartment aushalten konnte.

Die Bootstour endete für uns, wo sie auch begonnen hatte: im Armeni Hafen, unterhalb von Oia. Man kann sich an dieses blöde Treppensteigen bestimmt auch irgendwie gewöhnen.

labyrinth

Apropos Treppen: Es gibt angeblich, sowohl laut der Karte in meinem Reiseführer als auch laut meiner eigens angeschafften 1:30.000 Santorini Wanderkarte, drei Treppen von Oia hinunter zum Meer. Wir kannten bereits zwei davon, eine zum Amoudi und eine zum Armeni Hafen. Die dritte sollte sich in der Mitte dazwischen befinden und zu einem Badestrand und ein paar Bootshäusern führen. Ich hatte bei unserem Bootsausflug extra darauf geachtet, aber zu sehen war auch vom Wasser aus gar nichts. Nun bin ich ja ein Mensch, der so etwas nicht auf sich beruhen lassen kann. Ich musste unbedingt die Treppe finden oder aber den Beweis erbringen, dass eine solche Treppe nicht existiert.

Ich ließ also Sören mit seinen Büchern alleine auf unserer Terrasse zurück und begab mich auf die Suche. Die Temperatur war bereits angenehm, da die Sonne schon tief stand, und ich stürzte mich mit Feuereifer in das Gassenlabyrinth von Oia. Laut Karte musste der Anfang der Treppe irgendwo unterhalb der Läden „Thomas Gold“ und „Nick the Greek“ liegen. Es war einfach zauberhaft. Ich kam mir vor wie der Dieb von Bagdad, wie ich dort so durch die vielen kleinen verwinkelten Gassen und über Treppen und Dächer schlich. Und schließlich, nach viel Auf und Ab und Vor und Zurück, fand ich —  etwas. Tatsächlich lassen sich dort die ersten ca. 40 Höhenmeter mit einer Treppe überwinden und dann startet dort so etwas wie ein Fußpfad. Ich muss gestehen, ich habe mich im schwindenden Tageslicht nicht hinuntergetraut. Die ganze Angelegenheit wirkte ausgesprochen rutschig und bröckelig und war ziemlich unkrautüberwuchtert. Den Gedanken, mit 60 Meter Abgrund neben mir auszurutschen, fand ich nicht so erbaulich. Immerhin hatte ich ja mein Ziel erreicht und wohl das gefunden, was da als dritte Treppe auf meiner Karte eingezeichnet war. Ein krönendes kleines Abschussabenteuer für unsere Reise.

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