Seit, im wahrsten Sinne des Wortes, Menschengedenken haben Menschen (genau wie alle anderen mobilen Bewohner dieses Planeten, übrigens, der uns allen gemeinsam gehört), sich immer dann, wenn die Nahrungssituation knapp wurde, Naturkatastrophen oder Kriege drohten oder es hinter dem Horizont einfach verlockend besser aussah, aufgemacht, um anderswo ein besseres Leben zu finden. Einzeln oder in Familienverbänden, mit oder ohne Gut und Habe. Aus dem Wald in die Savanne, dann immer den Mammuts hinterher nach Norden und im Laufe der Zeit auf die entlegendsten Inseln und in die tiefsten Täler.

Völkerwanderung heißt das im historischen Kontext, Flüchtlingskrise heißt das heute in den Medien. Egal wie man es nennt: Freizügigkeit ist ein fundamentales Grundrecht. Jeder Mensch (und jedes Tier und von mir aus auch jede Dattelpalme, aber die hat es mit dem Fortkommen schwerer) hat das Recht, sich auszusuchen, wo auf diesem Planeten er oder sie leben will. Warum? Ja, eben weil … ich finde das so selbstverständlich, dass mir gar keine Begründung dafür einfällt. Mir erscheint es viel absurder, das irgendwie unterbinden oder verbieten zu wollen. Warum zur Hölle denn nicht? Woher nehmen wir uns das Recht, Zäune zu bauen? Mauern, Grenzen? Auf welcher Grundlage entscheiden wir, wer wo wohnen und arbeiten darf?

Ich will ja gar nicht abstreiten, dass das Probleme mit sich bringt, oder zumindest ein gewisses Umdenken und Flexibilität erfordert. Aber ist eine Tatsache, dass wir keinerlei moralisches Recht haben, irgendjemandem die Einreise zu Verweigern oder jemanden in sein/ihr Heimatland zurück zu schicken. Vielleicht, ganz vielleicht, hätten wir ein Recht, unseren fleißig erarbeiteten Wohlstand für uns zu behalten und nicht zu teilen, wenn dieser Wohlstand tatsächlich hauptsächlich und größtenteils auf unserer eigenen Arbeit basieren würde. Tut er aber nicht. Unser Wohlstandsvorsprung gründet in Ausbeutung, Raub und Gewalt. In Jahrhunderten des Imperialismus und Kolonialismus und einem immer skrupelloseren Raubtierkapitalismus, der dafür sorgt, dass immer weniger Menschen immer mehr haben. Gegen das soziale Ungleichgewicht in der heutigen Welt waren Louis XVI und seine kuchenessende Marie-Antoinette mildtätige Bettelmönche.

Es ist also weder verwunderlich noch verwerflich, wenn ein Mensch aus dem Senegal, aus Afghanistan, aus Syrien oder aus Albanien beschließt, sein Glück lieber in Deutschland zu versuchen als in seinem oder ihrem Heimatland. Dabei ist es völlig egal, ob der Grund, diesen Schritt zu wagen nun politische Verfolgung, fallende Bomben oder einfach nur der Wunsch ist, sich vom Lohn für seine Arbeit eines Tages ein iPhone kaufen zu können.

Was mich hingegen verwundert und was ich zutiefst verwerflich finde, sind die primitiven Reaktionen, die ich immer häufiger auch von Menschen höre, denen ich es echt nicht zugetraut hätte. Am meisten geschockt hat mich vor ein paar Wochen ein Beitrag, der ausgerechnet über eine Nachhaltigkeits-Mailingliste innerhalb von Mensa kam. Das war echt der letzte Ort, wo ich so etwas vermutet hätte. Nicht nur, weil Mensaner ja nun per Definitionem über ein nicht unerhebliches Maß an Intelligenz verfügen, sondern auch, weil Nachhaltigkeit eigentlich keine politischen Grenzen kennen kann. Und ich rede hier nicht von einem gemäßigten „man muss auch mal die andere Seite sehen“-Posting, sondern von einer regelrechten Hass-Mail. Zur Verteidigung besagter Mailingliste sei gesagt, dass die Mehrzahl der Mitglieder sich sofort und rigoros vom Standpunkt des Ausgangsposts distanzierten. Es gab aber auch Antworten vom Kaliber: die syrischen Flüchtlinge seien schon ganz okay, aber die Albaner, die herkämen, seien alle Verbrecher. Dazu fällt mir nicht einmal mehr eine Erwiderung ein.

Heute stand ein Bericht in der rheinischen Post, dass der Volksverein gestern wegen einer Bombendrohung geräumt werden musste. Jemand hatte eine Tasche mit einem Zettel abgelegt, auf dem stand: „Im Gebäude befindet sich eine Bombe, weil Sie Flüchtlinge unterstützen“ Und der Philologenverband Sachsen-Anhalt warnt junge Mädchen vor Sex mit bildungsfernen muslimischen Jugendlichen. Ich bin jeden Tag auf’s neue fassungslos bei soviel Dummheit.

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