Ich liebe Golfvideos auf YouTube. Echt, ich bin total süchtig. Immer, wenn ich nicht auf den Platz kann, gucke ich stattdessen Videos: Mark Crossfield, MeAndMyGolf, Stephen Buzza, Matt&Brandon, Oliver Heuler, etc. etc. … ich kenne sie alle. Meine absoluten Favoriten sind aber schon seit einigen Monaten Rick Shiels und Peter Finch. Die beiden haben bis vor kurzem in Manchester unterrichtet, haben jetzt aber gemeinsam an der Lytham Golf Academy ein neues Studio gegründet.

Den Plan, irgendwann mal nach England zu fahren, um die beiden persönlich kennen zu lernen, hatte ich schon länger, muss aber zugeben, dass ich Manchester als Urlaubslocation jetzt nicht sooo verlockend fand. Außerdem habe ich im Frühjahr den Job gewechselt, war noch in der Probezeit und kam darum nicht wirklich weg. Aber jetzt passte alles und so habe ich dann Anfang Oktober die Gelegenheit ergriffen, für eine gute Woche nach Lytham St. Anne’s zu fahren (mit dem Zug, übrigens, weil keine günstigen Flüge mehr zu kriegen waren … der einzige Flug von Düsseldorf nach Manchester unter 500 €, den Expedia mir noch vorschlug, führte über Moskau und dauerte ca. 20 h, dabei weiß ich genau, dass da täglich ein Direktflug geht).

Eingemietet habe ich in einem kleinen B&B in St. Anne’s, Ad Astra, weil die relativ günstige Einzelzimmer hatten. War eine gute Wahl, kein Luxus natürlich, aber sehr freundliche Leute und einen angenehmen alternativen Touch (auf Wunsch vegetarisches oder sogar veganes Frühstück, Hunde durften mitgebracht werden … war für mich beides nicht relevant, gefiel mir aber so von der Grundeinstellung her). Lytham und St. Anne’s sind so typische Saison-Ferienorte … im Sommer wohl echt überlaufen, aber jetzt war da schon ziemlich tote Hose, was mir aber sehr recht war. Ich wollte ja vor allem eines: Golf spielen und Unterricht nehmen.

Ein bisschen nervös war ich vorher schon. Ich bin ja noch ziemliche Anfängerin, spiele immer noch von -54, und hatte totale Hemmungen, einfach mit meinem etwas absurden Sammelsurium an Golfschlägern irgendwo aufzuschlagen, um zu spielen. Neben Technik und Erfahrung fehlte mir vor allem eins: Selbstbewusstsein. Am ersten Tag habe ich mich dann auch nur sehr zögernd getraut, wenigstens mal zur Lytham Golf Academy zu fahren (im Prinzip eine öffentliche Driving Range) und ein paar Bälle zu schlagen. Die Stunden mit Peter waren erst später in der Woche angesetzt und er war an dem Tag auch nicht da, aber ich bin auf dem Parkplatz kurz Rick Shiels begegnet, der auch sofort wusste, wer ich war (sinngemäß „die verrückte Golferin aus Deutschland, die bei Pete ein paar Stunden nimmt“) und mir supernett gleich seine Telefonnummer anbot, damit ich um Hilfe rufen kann, falls ich meinen Bus verpasse und irgendwo in der Walachei stehe.

Den nächsten Tag habe ich mit Erkundung der Gegend verbracht, bevor ich mich dann am Dienstag endlich getraut habe, doch tatsächlich mal einen Golfplatz in Angriff zu nehmen. Eine fast eineinhalb stündige Busfahrt brachte mich nach Staining Lodge, zu einem pay&play Platz, der auf seiner Webseite betont, dass auch Anfänger sehr willkommen sind. Und das war auch so. Keinerlei Frage nach dem Handicap oder so, ich konnte einfach das mit 18 Pfund sehr günstige Greenfee entrichten und gleich losspielen. Der Platz hat in der Gegend nicht den besten Ruf und gilt als ungepflegt, was ich aber, nachdem ich ihn gespielt habe, so überhaupt nicht nachvollziehen kann. Er ist insgesamt noch nicht sehr alt und erst vor kurzem von 9 auf 18 Loch ausgebaut wurden. Das merkt man ihm ein bisschen an, es gibt, obwohl vom Charakter ein Parklandkurs, kaum Bäume. Die Fairways sind sehr breit (was ihn wirklich anfänger- und slicertauglich macht), allerdings ist das Gelände ziemlich hügelig, so dass man mit fiesen Balllagen am Hang in alle Richtungen zu kämpfen hat. Und die Grüns sind echt gemein, sehr stark onduliert und es ist echt schwierig, den Ball irgendwo in Fahnennähe zum Stoppen zu kriegen. Wochentags nachmittags war sehr wenig los und ich konnte in aller Ruhe meine topps, airshots und shanks spielen, ohne irgendwen aufzuhalten.

Durch diese Erfahrung dann schon etwas mutiger geworden, habe ich am nächsten Tag den Lytham Green Drive Golfkurs gespielt. Die haben ein vergünstigtes Sunset-Greenfee, das um diese Jahreszeit schon ab 14.30 Uhr gültig ist. Da kostet die 18-Loch Runde dann nur 15 Pfund. Es war fantastisch. Nicht nur, dass ich da, obwohl es kein ganz einfacher Platz ist, die beste Golfrunde meines bisherigen Golferlebens spielte, ich hatte, von ein paar Fasanen, Hasen und Eichhörnchen abgesehen, den Platz auf den Back 9 auch komplett für mich alleine. Und das alles im Licht einer langsam versinkenden Herbstsonne. Ehrlich, alleine diese eine Golfrunde wäre die ganze Reise wert gewesen.

Überhaupt, das Wetter: ich war ja etwas skeptisch … Anfang Oktober zum Golfen nach England, das klingt witterungsmäßig schon eher mutig. Aber es war großartig. Ich hatte sehr viel Sonne und die wenigen Regengüsse, die es in der Woche gab, hbe ich immer verpasst, weil ich gerade im Bus oder irgendwo beim Tee saß.

Donnerstags hatte ich dann meine erste Doppelstunde bei Peter Finch. Ich war schon eine gute Stunde vor Beginn in der Lytham Golf Academy, um mich einzuschlagen (was in diesem Falle hieß, 100 Bälle mit verschiedenen Schlägern zu slicen … es war ein Krampf … dabei hatte ich doch am Tag davor so gut gespielt). Pete fragte mich dann erstmal nach bisheriger Erfahrung und meinen Zielen (wobei mein wichtigstes Ziel wirklich einfach war, den Ball sicherer und sauberer zu treffen und dadurch ein bisschen mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen). Dann ließ er mich jeweils mit Sandwedge, Eisen 9, Eisen 7 und Driver ein paar Bälle schlagen. Rick und Pete haben sich ihr Studio gerade ganz frisch neu eingerichtet und neben GC2 Launchmonitor und Flightscope gibt es da jetzt auch zwei Hochgeschwindigkeitskameras und mehrere große Bildschirme, auf denen man die so zusammengetragenen Daten dann auch gleich sehen kann. Das war ziemlich cool, zumal mein Schwung weniger schlimm aussah, als ich das so gedacht hätte. Pete’s erste Maßnahme war, meinen Griff zu verstärken. Das fühlte sich erstmal fremd an, war aber eine Korrektur, die recht einfach umzusetzen war. Danach ging es an die Handgelenke, die ich eben, statt sie einfach nur anzuwinkeln, Dustin Johnson-artig nach hinten beuge. Das mache ich natürlich nicht absichtlich, das ergab sich einfach so … Weg des geringsten Widerstandes, glaube ich. Das im Rückschwung zu korrigieren, fand ich auch noch ziemlich einfach, sah dann auf dem Bildschirm auch gleich besser aus, aber das Schlägerblatt von da dann square an den Ball zu bringen, war dann plötzlich nicht mehr so leicht, weil ich halt vorher beim Durchschwingen immer noch so einen Schlenker mit dem Handgelenk gemacht habe, den ich jetzt nicht mehr brauche. Aber so nach einer halben bis dreiviertel Stunde klappte das auch so leidlich und Pete war da erstmal zufrieden mit mir.

Der nächste Puntk war, dass ich mich im Rückschwung aufrichte und erstens Energie verliere und es mir zweitens sehr schwer mache, im Durchschwung dann sauber wieder zurück zu kommen. Da haben wir angefangen, dran zu arbeiten, sind aber nicht so wahnsinnig weit gekommen, bevor die Stunde um war.

Zu dem Zweitpunkt war ich schon ziemlich k.o. und wäre vernünftigerweise einfach ins B&B gefahren, um mich auszuruhen. Aber das Wetter war so schön und der Lytham Green Drive Golfkurs lag quasi auf meinem Nachhauseweg. Und so habe ich dann beschlossen, den einfach noch einmal zu spielen. Erwartungsgemäß klappte das weniger gut als am Vortag, denn in meinem Kopf herrschte schwungmäßg jetzt ziemliches Chaos und die Müdigkeit tat das ihrige dazu. Aber ich habe in John und George, zwei Mitgliedern, die den Platz jeden Donnerstag spielen, zwei sehr nette Flightpartner gefunden und habe die Runde so trotzdem sehr genossen. John hat mich danach netterweise sogar noch zu meinem B&B zurückgefahren.

Die Überanstrengung rächte sich allerdings dann ziemlich bitterlich. Die Nacht zum Freitag habe ich mit Fieber und Schüttelfrost wachgelegen, offensichtlich hatte ich mir eine Erkältung eingefangen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich so schlapp, dass ich kaum aus dem Bett kam. Und das, obwohl für diesen Tag meine Playinglesson auf dem St. Anne’s Old Links angesetzt war. Der Höhepunkt meines Urlaubs, sozusagen. Hingegangen bin ich natürlich trotzdem. Als ich Pete gesagt habe, wie mies ich mich fühle, hat er dankbarerweise einen Buggy besorgt. So musste ich wenigstens nicht laufen und mein Bag nicht schleppen. Erfreulicherweise war es außerdem völlig windstill, was einen großen Schwierigkeitsfaktor des Platzes einfach eliminierte. Die ersten paar Löcher habe ich noch ganz ordentlich gespielt, ich erinnere mich, dass ich auf einem sehr langen Par5 ein Bogey gespielt habe und ein weiteres auf einem Par4, aber dann war irgendwann der Ofen aus und ich konnte kaum noch den Schläger heben. Irgendwie habe ich mich trotzdem durch die 9 Löcher gekämpt. Der Platz ist ohne Wind wirklich nicht so schwierig, aber das Rough ist absolut tödlich. Ehrlich: keine Experimente, kürzesten Weg zum Fairway suchen und mit Wedge oder höchstens Eisen 9 rauspitchen. Alles andere ist zum Scheitern verurteilt, zumindest bei einem Schwächling wie mir. An die einzelnen Bahnen habe ich kaum Erinnerung, nur Loch 9, ein mittellanges Par3 ist mir im Gedächtnis geblieben. Das ist wirklich ziemlich spektakulär, weil man das Grün zwischen den Dünen vom Tee aus nicht wirklich sehen kann. Einfach aufs Clubhaus zielen, das passt schon🙂 Pete hat mich dann nach Hause gefahren und ich bin nur noch erschöpft ins Bett geklappt.

Samstag war ich schon wieder etwas fitter und machte mich vollmotiviert zu meiner zweiten und letzten Doppelstunde auf. Diesmal ging es hauptsächlich darum, meinen Rückschwung zu verkürzen und damit die Aufrichtung im Oberkörper auszumerzen. Ich habe jetzt wirklich das Gefühl, dass ich höchstens noch halb aushole, aber auf dem Bildschirm war eindeutig zu sehen, dass der Schläger hinter meinem Kopf waagerecht zum Boden ist. Dann gab Pete mir noch ein paar Tipps zum Chippen und Putten. Außerdem habe ich ihm, während ich gefühlt ungefähr 100 Bälle mit Eisen 7 geschlagen habe, meine Lebensgeschichte erzählt. Das war schon ein bisschen surreal … ich hatte vorher noch nie versucht, gleichzeitig zu reden und Golfbälle zu schlagen. Klappte aber erstaunlich gut.

Den restlichen Tag habe ich mir Ruhe gegönnt. Lediglich den Minilinks-Platz in St. Anne’s habe ich noch gespielt. Das ist ein niedlicher 18-Loch Pitch&Putt Platz, der sich wirklich spielt wie ein ganz kleiner Links-Platz. Die Bahnen sind sehr kurz (ich schätze mal, die längsten so um 60 m), aber trotzdem eine Herausforderung, denn die Grüns sind winzig und das Rough ist auch hier nicht ganz ohne. Ich finde es schade, dass wir solche Plätze in Deutschland so wenig haben.

Sonntag war mein letzter Tag, da bin ich noch einmal in die Lytham Golf Academy gefahren, um ein bisschen zu üben, habe noch einen kurzen Plausch mit Rick Shiels gehalten, der mich dann auch noch einmal aufforderte, ein paar Bälle für ihn zu schlagen und ihm zu zeigen, woran ich mit Pete gearbeitet habe. Mann, was war ich nervös, ich kann doch nicht, wenn einer guckt🙂 Hat aber ganz gut geklappt. Danach habe ich dann noch ein drittes Mal Lytham Green Drive gespielt, diesmal wieder ganz alleine. Leider konnte ich mein gutes Ergebnis vom Mittwoch aber nicht wiederholen. Und montags brachte mich dann eine ca. 11 stündige Zugfahrt wieder nach Hause, wo mich kaltes und ausgesprochen scheußliches Wetter erwartete.

Insgesamt war der Urlaub ein unglaublich tolles Erlebnis für mich. Ich bin ziemlich sicher, dass mein Schwung deutlich stabiler und sicherer geworden ist. Auf jeden Fall ist mein Selbstbewusstsein auf dem Golfplatz gestiegen. Vorgestern habe ich auf meinem Heimatplatz mit zwei ziemlich guten Spielern gespielt, die ich vorher nicht kannte, und das hätte mich noch vor drei Wochen so nervös gemacht, dass ich keinen Ball getroffen hätte. Jetzt aber konnte ich mein Handicap auf den sieben Löchern (für mehr hatte ich keine Zeit, weil ich meinen Zug kriegen musste) um drei unterspielen und habe auf dem letzten Loch sogar ein Par gespielt. Alles sehr motivierend. Ich werde so eine Tour auf jeden Fall nächstes Jahr wieder machen.

Und weil mich ja nun die YouTube-Guckerei zu der ganzen Tour motiviert hat, habe ich diesmal auch selbst zur Kamera gegriffen und ein Reisevlog gefilmt … jeden Tag eine kleine Folge, so zwischen 3 und 10 Minuten. Da darf man jetzt allerdings keine Schicki-Micki Reisedoku erwarten. Ist wirklich mehr ein persönliches Tagebuch. Aber ein paar Eindrücke von den gespielten Golfplätzen und dem ganzen Drumherum gibt es natürlich trotzdem.