Gestern ist mir was ziemlich Dummes passiert: Ich habe mich im Wald verlaufen. Ungefähr fünf Minuten von der Mühle entfernt. Also, eigentlich hab ich mich nicht wirklich verlaufen, ich wusste schon noch recht genau, wo ich gerade bin. Es war mehr die Schwierigkeit, den Weg wiederzufinden.

Es fing damit an, dass ich einmal um den Galleyberg herumlaufen wollte. Der ist, trotz seines hochtrabenen Namens, natürlich kein richtiger Berg, sondern mehr so ein Hügel, knapp 100 m hoch (bei einer Ausgangshöhe von 30 m über NN oder so, die wir hier unten am Bach haben). Oben auf der Hügelkuppe steht ein verlassenes Haus, mitten im Wald, dass sich irgendwann einmal ein Arzt aus Hannover als Wochenendsitz gebaut hat … ohne Strom, Wasser aus einer Zisterne mit Windradpumpe … der Gute soll ein Exzentriker gewesen sein. Er hat verfügt, dass seine Erben das Haus nicht verkaufen dürfen. Wohnen wollen sie da aber scheinbar auch nicht drin, und jetzt verfällt es so langsam vor sich hin, was eine Schande ist. Ich würde es sofort nehmen. Es liegt nämlich echt mitten im Wald und hat etwas total Verwunschenes.

Genau da wollte ich gestern aber eigentlich nicht hin, weil ich weiß, dass man da im Sommer wegen der vielen Brombeeren ganz schlecht wieder weg kommt. Es gibt einen kleinen Wildwechsel, den ich im Winter manchmal benutzt habe, um von dem Haus zum Zwergenstein (hab ich euch schon vom Zwergenstein erzählt?) und dann zurück auf den Weg, der zur Mühle führt, zu kommen. Aber der war im Winter schon schwierig zu finden und ist jetzt völlig überwuchert.

Anyway … ich wollte also nicht zum Galley-Haus. Nun ist es aber mit diesem Haus so ähnlich wie mit dem Weidenwindental im alten Wald im Herrn der Ringe. Egal, welchen Weg man an der Ostseite des Waldes einschlägt, irgendwie führen die alle bergauf und man landet unweigerlich an diesem Haus. Und obwohl alle Wege da hinführen, führt irgendwie keiner wieder weg. Zumindest nicht in die richtige Richtung. Man rennt sozusagen direkt in eine undurchdringliche Brombeerhecke. Und bei dem Versuch, die zum Umrunden, hab ich mich dann total verfranst. Trotz strahlendem Sonnenschein wusste ich plötzlich überhaupt nicht mehr, in welche Richtung ich gehe. Und der Wald war so dicht, dass ich keine zwanzig Meter weit gucken konnte.

Ich wusste, dass der kleine Weg mit dem Zwergenstein irgendwo ganz in der Nähe sein musste, aber es ist mir einfach nicht gelungen, ihn zu finden. Ich bin also blindlings bergab gestolpert, quer durch Gestrüpp und Unterholz. Irgendwann war mir der Zwergenstein dann auch egal, ich hatte diesmal sowieso nichts für die Zwerge mitgebracht. Ich wollte nur noch den Hauptweg wiederfinden, weil ich eigentlich schon viel zu spät dran war und zum Abendessen wieder in der Mühle sein musste, um zu kassieren.

Gerettet haben mich dann die Frösche. Am Hauptweg liegen nämlich so kleine Fischteiche und die Frösche kann man ewig weit hören. Ich bin dann also einfach auf das Gequake zugegangen. Allerdings habe ich bis zum letzten Moment gezweifelt, ob es wirklich die richtigen Teiche sind, denn ich schwöre, ich hab den Weg erst gesehen, als ich schon draufstand. Wahrscheinlich hab ich ziemlich belämmert ausgesehen, als ich so durch die Büsche gebrochen bin. Und dabei bin ich nur zwanzig Meter oder so neben der Stelle entfernt herausgekommen, wo der Weg zum Zwergenstein hochgeht. Und dann auch noch auf der falschen Hangseite. Topographisch eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Kennt ihr noch den Film Labyrinth? Mit David Bowie? Da drehen sich immer Teile der Landschaft, so dass man seinen Weg nicht zurückverfolgen kann. Ich schwöre, so ähnlich hat sich das angefühlt. Keine Ahnung, ob die Zwerge mir da einen Streich gespielt haben (und dabei hab ich mich doch so um gute Nachbarschaft bemüht und ihnen Äpfel und Schmucksteine und Tannenzapfen gebracht wann immer ich sie besucht habe), oder ob da der Geist vom alten Galley herumspukt und sein Haus verteidigt. Jedenfalls war es total surreal.