Ich bin immer noch völlig hin und weg darüber, mit welcher Macht der Frühling jetzt doch endlich über uns hereingebrochen ist. Es hat ja lange genug gedauert, aber dafür blüht und grünt jetzt wirklich alles gleichzeitig. Heike und ich konnten uns nicht recht einigen, was denn jetzt dieses Jahr früher grün war: die Eiche oder die Esche. Heike besteht auf der Eiche, vielleicht deshalb, weil ihr Baumhaus in eine Eiche gebaut ist und sie deshalb die höheren Zweige tagtäglich vor Augen hat. Ich hingegen behaupte, dass die Esche hinter meiner Hütte schon grüne Blättchen hatte, als die umliegenden Eichen noch gar nicht daran dachten, ihre Knospen zu öffnen. Warum das wichtig ist? Ja, Kinder, habt ihr denn bei den Bauernregeln nicht aufgepasst? Grünt die Eiche vor der Esche, gibt’s im Sommer große Wäsche (also viel Regen). Grünt die Esche vor der Eiche, gibt’s im Sommer große Bleiche (ja, genau, also viel Sonne). Ich bin eindeutig dafür, dass die Esche das Rennen gemacht hat.

Auch die Tierwelt macht Frühling, und zwar kräftig. Die Frösche in Heikes Teich werden jeden Tag mehr und lauter. Man versteht sein eigenes Wort kaum, wenn man neben dem Teich sitzt. Die Kraniche melden sich auch hin und wieder aus den Schnegaer Sümpfen zu Wort. Neulich hüpfte ganz possierlich eine Ricke mit Kitz auf den Wiesen hinter Heikes Garten vorbei, sehr niedlich anzuschauen. Und auch die Füchse in der Umgebung haben ganz offenbar Junge. Woher ich das weiß? Daher, dass vor ca. 2 Wochen ein Fuchs in einer Nacht alle unserer vier Enten gestohlen hat.  Klingt wie ein Kinderlied, ist aber trotzdem nicht schön. Ich mochte unsere Enten nämlich sehr gerne. Und die einzige Entschuldigung, die ich für den Fuchs habe, ist, dass es sich wahrscheinlich um eine Füchsin mit hungrigen Jungen handelt.

Und heute morgen hat wahrscheinlich derselbe Fuchs zwei von unseren Hühnern totgebissen. Warum er sie danach nicht weggetragen hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist er gestört worden. Oder er hat es mit Huhn im Maul nicht über den Elektrozaun geschafft. Jedenfalls hatten wir zwei Leichen zu beklagen.

Jetzt stellt sich ja in so einem Fall die Frage: Begräbnis oder Hühnersuppe? Begräbnis wäre uns als Verschwendung erschienen. Auch wenn wir keines unserer Hühner des Fleisches wegen schlachten würden (dafür sind sie viel zu nett und zahm), so spricht doch nichts dagegen, sie zu essen, wenn sie nunmal schon tot sind.

Soweit die Theorie. Nun ist es aber vom toten Huhn auf der Wiese zur Hühnersuppe ein weiter Weg. Und ich hatte noch nie ein Huhn gerupft und ausgenommen. Meine Erfahrung im Ausweiden von Tieren beschränkt sich auf Fische. Und die haben ja keine Federn. Und keine Beine oder Flügel (fliegende Fische hab ich auch noch nie ausgenommen). Gott sei Dank sind wir ja hier auf dem Land und in unserer Küche arbeiten lauter gestandene Landfrauen. Susi hat sich dann auch gleich bereit erklärt, mir mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Irgendwo hatte ich schonmal gehört, dass man Hühner vor dem Rupfen in heißes Wasser taucht, aber Susi hatte noch einen einfacheren Trick: ein nasses Geschirrtuch und ein Bügeleisen leisten hervorragende Dienste. Zugegeben, es fühlt sich schon komisch an, so ein totes Huhn auf dem Schoß zu bügeln. Riechen tut es auch nicht so toll. Aber die Federn lassen sich danach echt viel besser rausrupfen. Ich habe eineinhalb Stunden lang gebügelt und gerupft, dann hatte ich beide Hühner entfedert.

Unserer Hühner haben Milben, hab ich dabei festgestellt. Und zwar nicht zu knapp. Und weil die ja jetzt auf dem Huhn keinen Lebensraum mehr haben, krabbeln die jetzt alle auf mir rum. Brrr. Ich muss gleich dringend noch unter die Dusche.

Als nächstes ging es ans Ausnehmen. Das war gar nicht so viel anders als bei den Fischen, nur mehr. Besonders erstaunt hat mich, dass ich in einem Huhn zehn schon relativ weit entwickelte Eidotter gefunden habe (und unzähige kleinere). Ich hatte keine Ahnung, dass die so viele Eier quasi auf Vorrat produzieren. Außerdem habe ich festgestellt, dass unserer Hühner dringend auf Diät gesetzt werden müssen, sonst sterben die an Organverfettung. Ehrlich, das war unglaublich.

Nachdem ich die Hühner jetzt also sozusagen entkernt hatte, habe ich sie abgespült und die Kloake herausgeschnitten und ihnen den Kropf aus dem Hals gezogen. Erstaunlich, wie viel Getreide so ein Huhn im Kropf mit sich rumschleppt. Natürlich ist mir bei einem Huhn der Kropf geplatzt (der war vom Fuchs schon leicht angebissen) und es war eine elende Pulerei, die ganzen Körner wieder einzusammeln.

Schließlich habe ich den Hühnern unter Susis fachgerechter Anleitung noch über der Gasflamme die Haare abgebrannt. Ja, Hühner haben nicht nur Federn, die haben auch Haare … ganz kleine, feine Haare, die man erst sieht, wenn man die Federn alle ausgerupft hat. Und die kann man nicht von Hand rausziehen, dafür sind es viel zu viele und sie sind viel zu fein. Die brennt man weg. Das war mir neu.

Und am Ende eines langen ereignis- und lehrreichen Tages hatte ich zwei Suppenhühner, die fast so aussahen wie das, was man in der Kühltheke kaufen kann. Und weil es schon spät war, habe ich dann beschlossen, die erstmal einzufrieren. Hühnersuppe koche ich dann ein andermal aus ihnen. Vielleicht auch Frikassee … wenn sie dafür nicht zu zäh sind.

Fazit: mein Hobby wird Hausschlachtung bestimmt nicht, aber ich bin froh und auch ein bisschen stolz, dass ich mich da rangewagt habe und jetzt weiß, wie es geht. Sollte morgen abrupt das Erdölzeitalter zuende gehen und die Supermarktregale leer bleiben, dann kann ich jetzt immerhin Hühner rupfen.