Ich war nie ein Fan von Günther Grass. Sein Schreibstil war mir immer zu schwurbelig. Vielleicht bin ich auch einfach nicht intellektuell genug, um der Blechtrommel oder dem Butt irgendetwas abzugewinnen. Auch sein jetzt so viel diskutiertes Gedicht „Was gesagt werden muss“ finde ich so rein sprachlich poetisch gesehen nicht unbedingt einen Volltreffer. Für ein Gedicht ist es mir deutlich zu wenig verdichtet. Es liest sich mehr wie ein kurzer Kommentar mit zu vielen Zeilenumbrüchen. Aber von dieser stilistischen Kritik abgesehen, finde ich da schon viel wahres dran. Und es kann doch wohl nicht sein, dass wir angeblich in einer Demokratie leben und sobald einer was sagt, was nicht dem politischen Mainstream entspricht, geht eine Hetzkampagne los.

Zum Teil ist dass, was in den letzten Tagen in den Massenmedien gelaufen ist, schon richtig peinlich. Noam Chomski hätte seine wahre Freude daran. Zum Beispiel schrieb Spiegel-online: „Mit seinem Auftritt im Abendprogramm des deutschen Fernsehens verstrickt sich Günter Grass noch tiefer in seinen selbstverzapften Unsinn. Und das, obwohl er sogar „haufenweise“ zustimmende Mails bekommen haben will.“ Diese Formulierung „obwohl er sogar zustimmende Mails bekommen haben will“, ist geradezu unverschämt. Sagt sie doch nichts anderes, als dass Günther Grass’s Ideen so weit hergeholt und so weit von der Meinung aller anderen Menschen entfernt seien, dass es geradezu unvorstellbar ist, dass da jemand seine Zustimmung ausdrückt. Ich meine, okay, ich verkehre ja auch in komischen radikalen Kreisen, aber in meinem Bekanntenkreis ist es eigentlich schon seit Jahrzehnten Usus, dass Israel sich im Nahen Osten benimmt wie der Elefant im Porzellanladen (womit ich nicht sagen will, dass die anderen Staaten im Porzellanladen alles friedliche Osterlämmer sind … die Situation ist einfach völlig verfahren und … das kann ich mir als Frau jetzt nicht verkneifen … die Gegend allgemein ziemlich schwanzgesteuert). Würde Herr Grass sich in meinem Email-Adressbuch befinden und zu den Menschen gehören, mit denen ich gewöhnlich korrespondiere, dann hätte ich ihm eventuell auch eine „Haste gut gemacht, Alter“ Mail geschrieben. Hab ich zwar nicht, aber so unvorstellbar, wie Herr Arno Frank es im Spiegel schreibt, finde ich haufenweise zustimmende Mails eigentlich nicht.

Was jetzt passiert, beweist doch nur, wie Recht Günther Grass hat. Diese geheuchelte dumme Empörung, die jetzt aus aller Politker Munde und aus allen Massenmedien dringt, ist doch wohl geradezu peinlich. Es muss doch wohl möglich sein, die Recht zweifelhafte Außenpolitik eines Staates anzuprangern, auch wenn dieser Staat zufällig Israel heißt.

Für mich sind Kultur und Religion eine und politische Gebilde wie Staaten eine andere, möglichst vollständig davon zu trennende, Sache. Und wenn dann jemand in schwurbeligen aber wohldurchdachten Worten sinngemäß sagt „Israels Politik gegen den Iran ist Scheiße“, dann ist das weder ein Angriff auf die jüdische Religion, noch auf den jüdischen Glauben. Dann bedeutet das lediglich, dass derjenige bei der Beurteilung der israelischen Außenpolitik die gleiche Bemessungsgrundlage angewendet hat wie er sie bei jedem anderen Staat anwenden würde.

Und dass Israel Günther Grass daraufhin zur persona non grate erklärt und ein Einreiseverbot gegen ihn verhängt, ist ja wohl ein Armutszeugnis sondergleichen. Ein Land, dass sich selbst als „einzige Demokratie im Nahen Osten“ sieht, muss Kritik an seiner Politik aushalten können. Sonst ist es nicht so weit her mit der Demokratie.