Einmal im Jahr steht Esens Kopf, dann findet hier nämlich das bei weitem größte Schützenfest der Region statt. In erster Linie heißt das, dass eine große Kirmes mit Fahrgeschäften und Festzelten aufgebaut wird, eine norddeutsche Variante des Oktoberfestes, sozusagen. Die Esenser selber bezeichnen die fünf Tage im Juli als „fünfte Jahreszeit“ und tatsächlich sind gewisse Ähnlichkeiten zum rheinischen Karneval nicht zu verleugnen.

Normalerweise würde ich hier das tun, was ich bei ähnlichen Events überall auf der Welt tue: Ohrstöpsel einstöpseln, die Haustür verschließen und den Kopf einziehen bis es vorbei ist. Aber gestern wurde ich dann von meiner Chefin und meinen Kolleginnen genötigt, mit ihnen zu ihrem traditionellen Schützenfest-Montags-Ausflug zu kommen. Da ich ja noch recht neu im Job bin und einige meiner Kolleginnen bisher eigentlich nur vom Telefon kannte, konnte ich mich da nicht wirklich drum drücken. Außerdem hatte ich den Festlatz bisher auch nur von weitem gesehen und ein ganz bisschen neugierig war ich auch. Und dann durfte ich gestern auch noch früher Feierabend machen, damit ich rechtzeitig zu Hause bin, um mich vor dem Schützenfest noch ausruhen und aufhübschen zu können.

Ich muss vielleicht noch erklären, dass ich seit meinem Umzug eigentlich keinen Alkohol mehr getrunken habe. Weniger aus Prinzip, sondern mehr so, weil es sich nicht wirklich ergeben hat. Zu meinem vierzigsten haben Elisa und ich eine Flasche Prosecco aufgemacht (an der wir dann drei Tage lang getrunken haben) und irgendwann haben wir mal eine Flasche Wein vernichten müssen, die ich für meine rote Bohnensuppe genutzt habe, aber davon abgesehen trinken wir eigentlich nur alkoholfreies Bier. Ich bin also wirklich nichts mehr gewöhnt. Deswegen habe ich einige teaminterne Kämpfe bestreiten müssen, um zumindest die Kurzen abzulehnen. Einen klebrigen süßen Waldmeisterlikör habe ich beim Vorglühen mittrinken müssen, außerdem zwei Gläser Sekt. Ehrlich gesagt war das schon genug, um mich mit einiger Bettschwere zu versehen und ich wäre statt zum Festplatz am liebsten gleich wieder nach Hause getorkelt. Aber das ging natürlich nicht. Nichts trinken ist in Deutschland ja irgendwie genauso unakzeptabel wie nicht Autofahren.

Wir sind also in einheitlichen „Hier steppt der Wolf“ T-Shirts (der Laden, in dem ich arbeite, heißt „Steppenwolf“) zur Kirmes gezogen. Da mussten wir dann erstmal alle Musik-Express fahren. Das kannte ich noch aus meiner Jugend. Da hieß das gleiche Karussell Dschungel-Express und in der Mitte stand ein großer Stoffgorilla und zappelte mit den Armen. Ist jedenfalls so ein Ding, wo Wagen sehr schnell im Kreis über eine hügelige Strecke fahren und man von der Fliehkraft nach außen gedrückt wird. Ich weiß, dass mir dabei immer ein bisschen schummrig wird, aber im Gegensatz zu vielen anderen Fahrgeschäften kann ich das überstehen, ohne zu Kotzen. Und irgendwie brachte es viele Jugenderinnerungen zurück (von denen ich aber mindestens die Hälfte auch gerne wieder in mein Unterbewusstsein verdränge).

Danach haben wir dann den restlichen Festplatz umrundet, wobei wir immer nur ca. 200 m weit gekommen sind, bevor wir wieder in ein Bierzelt einkehren mussten. Am Ende sind wir dann in Claassens Festzelt gelandet. Ich meine, okay, im Prinzip sind mir so Volksfeste mit betrunkenen Menschen ja nicht völlig neu. Aber das war schon irgendwie ein Schock. Der DJ spielte gerade einen Schlager, den ich vorher noch gar nicht kannte, und in dem irgendwer davon singt, dass er seiner Liebsten ein Foto von sich schenkt. Oder sie ihm von ihr? Egal, alle anderen im Zelt kannte das Lied jedenfalls und drückten ihre Euphorie dadurch aus, dass sie ihre Klappstühle über den Kopf hoben und damit mehr oder weniger rhythmisch in der Luft herum fuchtelten. Das war keine Party, das war ein tobender Mob. Da springen bei mir alle Kampfsportreflexe an, da will ich entweder ganz schnell weglaufen, oder, wenn mir der Fluchtweg versperrt ist, auch einen Stuhl haben, damit ich mich notfalls verteidigen kann. Ich konnte mich aber beherrschen und mich hinter meiner Gruppe her zum Tresen vorschieben, wo dann jeder gleich nochmal ein alkoholisches Getränk trinken musste. War das jetzt mein fünftes oder sechstes Bier? Egal.

Die Musik war so laut, dass man sich sowieso nicht unterhalten konnte. Eigentlich hatte man gar keine andere Wahl, als sich einfach von der Masse mitziehen zu lassen. Und so fand ich mich dann irgendwann von meinen Kollegen umringt auf der Tanzfläche wieder und ertappte mich dabei, dass ich laut „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ mitgröhlte. Ich war assimiliert. Ich hatte jegliche Selbstachtung verloren. Sogar bei „Vivat Colonia“ hab ich mitgesungen (und mich die ganze Zeit gefragt, warum die in Ostfriesland keine eigenen Lieder schreiben). Später hab ich dann noch zu irgendeinem Marius Müller Westernhagen Song mit einem total besoffenen Opa getanzt. Der war mindestens 75, grub alles an, was er für weiblich hielt und ich hab die ganze Zeit gedacht, der kriegt bestimmt jeden Moment einen Herzkaspar und dann bin ich auch noch Schuld. Andererseits, ist vielleicht gar kein schlechter Tod.

Gott sei Dank war „So ein Tag“ wirklich der Tiefpunkt der Musikauswahl und der Rest wurde erträglicher. Oder es war nach dem inzwischen achten Bier auch egal. Jedenfalls verabschiedeten sich Chef und Chefin so gegen viertel vor eins und ich konnte mich dann auch absetzen, ohne komisch zu sein.

Das war also mein Erstkontakt mit dem Esenser Schützenfest. Irgendwie gruselig. Heute abend ist noch das große Abschluss-Feuerwerk (das ich wahrscheinlich entweder unter meiner Bettdecke oder unter meinem Schreibtisch abwettere) und dann ist ein Jahr lang Ruhe.