Was für einen Schildbürgerstreich haben sich unsere Jungs und Mädels in Berlin denn jetzt da bitte wieder geleistet? Das ist ja noch absurder als die Abwrackprämie. Denn während die zwar verlogenerweise unter dem Deckmäntelchen der Umweltfreundlichkeit und des Klimaschutzes daher kam, hatte die zumindest einen kurzfristig stabilisierenden Effekt auf die Automobilindustrie und selbst ich als alte Autohasserin muss zugeben, dass die für unser Wirtschaftssystem fundamental wichtig ist. Aber diese Biokraftstoffnummer, die geht jetzt mal gar nicht.

Erstens ist es ausgesprochen fragwürdig, ob „Bio“ethanol (bescheuerte Konstruktion, schon alleine dieses Wort … Ethanol wird eigentlich traditionell und immer schon aus Pflanzen gewonnen, ist nämlich stinknormaler Allohol … macht man aus Getreide, Obst, Kartoffeln, Zuckerrohr und anderen stärke- oder zuckerhaltigen Lebensmitteln) überhaupt als klimaneutral gelten kann, wie uns gerne vorgegaukelt wird. Diese Pflanzen, für die industrielle Produktion in erster Linie Mais, Weizen, Zuckerrüben, Zuckerrohr, wachsen nämlich nicht von alleine auf den Feldern. Da fahren etliche Traktoren x-mal drüber, um zu pflügen, zu säen, zu düngen, Pestizide zu versprühen, zu ernten. Dann wird das Zeug noch in Fabriken transportiert, vergoren etc. pp. Das gibt es alles nicht „umsonst“, sprich, nicht ohne Einsatz von Energie in Form von Treibstoff. Wie genau die Bilanz ist, also wieviel Energie ich reinstecken muss, um einen Liter Bioethanol zu erhalten, darüber scheiden sich die Geister, aber „klimaneutral“ ist es damit schonmal nicht mehr. Auf diese Weise werden keine Klimaschutzziele erreicht, sondern allenfalls CO2 Bilanzen geschönt.

Viel entscheidender ist aber, dass die Lebensmittelpreise weltweit noch nie so hoch waren, wie gerade jetzt. Und die Unruhen, die da im Moment in der arabischen Welt und darüber hinaus toben, die haben nur in sehr geringem Maße etwas mit plötzlich erwachter Sehnsucht nach Demokratie zu tun und sehr viel mit der Tatsache, dass der Teller immer häufiger leer bleibt, weil Menschen mit geringem Einkommen sich nichtmal mehr die lebensnotwendigen Kalorien leisten können. Und das Problem wird sich mit Sicherheit in den nächsten Jahren eben durch den Klimawandel und schwindende Ölreserven noch extrem verstärken. Da ist das letzte, was wir brauchen, ein Gesetz, das fordert, dass Lebensmittel zu Biosprit konvertiert werden müssen. Laut Greenpeace lassen sich aus 100 kg Getreide ca. 100 kg Brot herstellen, oder 25 l Ethanol. Von 100 kg Brot kann ein Mensch eine ganze Weile lang seinen Grundumsatz an Kalorien decken. Ich würde sagen, mindestens 3 Monate. Ein Liter Ethanol entspricht in der Energieausbeute etwa 0,65 l konventionellen Kraftstoffs (laut Wikipedia). Mit 25 l Ethanol fährt ein durchschnittlicher Mittelklassewagen damit etwa 200 km weit (bei 8 l Spritverbrauch normaler Kraftstoff). Damit käme ich nichtmal von hier bis nach Esens. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Auf dieser Welt hungern etwa 1 Milliarde Menschen, das ist ca. jeder siebte. Alle drei Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger. Und da sollen wir mal eben das Äquivalent an Nahrungsmitteln, das so einen Menschen drei Monate am Leben halten könnte, auf dem Weg zum nächsten Popkonzert, Skiwochenende oder Einkaufstrip verfahren?

Ich ärgere mich am meisten, dass jetzt, wo offensichtlich wird, dass viele Menschen in Deutschland diesen Pseudo-Biosprit nicht wollen, in den Medien und der öffentlichen Diskussion als einziger möglicher Grund angegeben wird, dass die Leute Angst um ihr Auto haben. Ich meine, gut, des deutschen liebstes Kind und so … wir sind da ja echt penibel mit den kleinen Blechpalästen mit denen wir rumrollen. Aber vielleicht, ganz vielleicht, haben ja auch einfach schon ein paar Leute mehr diesen Unsinn durchschaut und tanken das Zeug einfach nicht, weil sie nicht mitverantworten wollen, dass landwirtschaftliche Flächen für die Gewinnung von Treibstoff genutzt werden, solange noch irgendjemand auf dieser Welt nicht genug zu essen hat. Oder weil sie die schöne Lüge vom klimaneutralen Kraftstoff nicht glauben. Und diese Themen werden im Moment ganz bewusst aus der Diskussion rausgehalten und totgeschwiegen. Es wird der Eindruck erweckt, es ginge nur um mangelnde Aufklärung über die Schädlichkeit für Motoren. Noam Chomsky hätte seine helle Freude an diesem Thema. Der hat immer ein sehr gutes Auge dafür, wie in den Medien Meinung gemacht wird durch das, was nicht berichtet wird.

Die Mineralölkonzerne lachen sich natürlich ins Fäustchen. Die können nur gewinnen, wenn die einzige Alternative, die dem kritischen Nutzer bleibt, die ist, den teureren Super Plus Kraftstoff zu tanken (wer denkt sich eigentlich solche völlig sinnfreien Bezeichnungen aus?).

Natürlich gibt es auch noch die andere Alternative: das Auto stehen lassen. Ich muss aber nach gestrigem Abenteuerurlaub mit der Bahn mal wieder zugeben, dass das nicht immer eine reine Freude ist. Lokführerstreik, Stellwerkausfall in Bramsche und Brückenstörung in Oldenburg, da kam mal wieder einiges zusammmen. Ich muss aber ein großes Lob an die NordWestBahn aussprechen, die das Chaos ja nicht zu verantworten sondern nur auszubaden hatte: die haben sich große Mühe gegeben, die Fahrgäste genau zu informieren, was schiefgeht und wie lange das wahrscheinlich noch dauert. Und dabei den Humor nie verloren. Warum kann die Deutsche Bahn das nicht?