Ich werd noch wahnsinnig hier. Heute vor einer Woche haben uns die Vermieter aus Mettingen abgesagt. Also, genaugenommen haben die nicht „abgesagt“, sondern ich hab da angerufen, um zu fragen, was denn jetzt ist und nach einem gummiartigen 45 minütigen Telefongespräch war dann klar, dass die uns das Haus nicht vermieten wollen. Nicht wegen des fehlenden Autos, übrigens, sondern wegen Angst vor weiteren Bergschäden. Nur gut, dass ich am Freitag davor schon mit meinem Chef gesprochen hatte, um ihn schonmal seelisch auf meinen baldigen Abgang vorzubereiten und Elisa ihre Wohnung schon gekündigt hatte. Schließlich hatten wir ja mal sowas wie eine feste Zusage von denen.

Das stürzte uns als kurzerhand wieder ins Haus-Such-Chaos und wir wurden wieder auf allen Immoscout, -net, -welt, -pionier und -pool-Seiten zuhause. Da stehen immer noch einige Häuser drauf, die schon letzten August da standen. Unglaublich. So z.B. ein Resthof in Haren Wesuwe. Wer will schon nach Haren Wesuwe? Wir auch nicht. Jedenfalls hatten wir gerade wieder angefangen, Termine zu machen und so, als uns plötzlich „das Haus“ unterkam. Das war ein bisschen so wie in dem Lied Waldemar von Zarah Leander … „Mein Ideal auf dieser Welt das ist für mich der kühne Held, der große blonde Mann …“ und ein paar Zeilen später dann: „So sieht der Mann meiner Träume aus, sein Name ist Ralf oder Peer, die Wirklichkeit sieht aber anders aus, bitte hören Sie mal her:“ Und dann folgt die Beschreibung von Waldemar, der klein ist und schwarze Haare hat und in Berlin lebt, ihr nie einen Hermelin kaufen wird etc.

So ging es uns auch mit dem Haus … es liegt nicht auf dem Land, sondern am Rande der Innenstadt, der Garten ist absolut nicht ziegengeeignet und eher klein, die Nachbarn können direkt über die Hecke gucken etc. Und dann liegt es noch in einer Gegend, in die ich eigentlich gar nicht wollte, nämlich mitten in Ostfriesland, und leidet somit an akutem Berg- und Waldmangel. Und trotzdem war es Liebe auf den ersten Blick. Und das lag sogar in erster Linie am Standort. Esens ist nämlich ein absolut entzückendes Städtchen. Ca. 7000 Einwohner, alle Schulen, Geschäfte, Ärzte etc. in bequemer Fußgänger- oder Radfahrerentfernung, 4 km bis zur Nordsee und den Fährschiffen auf die Insel Langeoog. Dabei ca. 200.000 Touristen im Jahr, was für Elisa und ihre Atelier-Pläne natürlich hervorragend ist. Während uns sonst von den Vermietern und Maklern immer gesagt wurde: „Ohne Auto können Sie hier aber nicht leben“, hieß es hier „Auto? Braucht man hier wirklich nicht.“ Und das Haus ist riesengroß, hauptsächlich durch einen alten, verwinkelten Anbau, dessen Grundriss wir uns einfach nicht merken konnten. Viel Platz für Elisas Atelier, eine Werkstatt und einen Austellungsraum. Und oben auf dem Dachboden ist sogar noch ein alter Taubenschlag. Die Hühner kommen in den Fahrradschuppen. Das Haupthaus hat Zimmer satt und wird, wenn es erstmal renoviert und aufgemöbelt ist, ausgesprochen hübsch. Es sieht eher aus wie ein altes Kapitänshaus als wie ein Bauernhaus, mit hohen Decken und Fenstern.

Wir sind am Samstag hingefahren, um es uns anzugucken. Eine Mördertour mit dem Zug, eigentlich nur Nahverkehrszüge, weil wir mit dem Wochenendeticket unterwegs waren. Dann sind aber gleich zu Beginn, auf der Strecke von Essen nach Münster, zwei Züge ausgefallen und Elisa war irgendwo in der Wallachei bei Syken gestrandet. Als sie dann mit 1 1/2 h Verspätung in Münster ankam, blieb uns nur noch, auf den Intercity nach Norden auszuweichen und von da den Bus zu nehmen, wenn wir rechtzeitig ankommen wollten. Der Zugbegleiter des IC hat sich netterweise beschwatzen lassen, uns ausnahmesweise mitzunehmen, weil ich ihm einen Wisch vom ServicePoint vorweisen konnte, dass die beiden Züge tatsächlich ausgefallen sind. Den Bus von Norden mussten wir dann extra bezahlen, weil da das Wochenendticket nicht galt. Aber so haben wir es tatsächlich mit nur 10 Minuten Verspätung zu unserem Besichtigungstermin geschafft.

Wir waren schon vorgewarnt, dass es viele Interessenten für das Haus gäbe. Genaugenommen hatten wir sogar schon befürchtet, gar nicht fahren zu brauchen, weil eigentlich schon jemand fest zugesagt hatte. Doch der ist dann wohl doch wieder abgesprungen oder passte nicht ins Konzept. Mit uns gleichzeitig waren auch noch zwei weitere Interessenten da, aber irgendwie hatten wir beim Makler einen Stein im Brett und der hat uns dann kurzerhand ins Auto gepackt und noch bei den Vermietern auf dem Bauernhof vorbei gefahren, damit die uns kennenlernen konnten. Der Besuch stand ein bisschen unter Zeitdruck, weil wir unseren Zug zurück kriegen mussten, aber der erste Eindruck war äußerst positiv. Tja, und dann saßen wir auch schon wieder im Zug nach Hause, Schmetterlinge im Bauch und eine improvisierte Visitenkarte des Maklers in der Tasche mit dem Auftrag, uns Montag zu melden, wenn es uns ernst ist. Jetzt ist Montag und es ist uns ernst. Jetzt sind wir also in Esens nach drei Tagen so weit, wie wir in Mettingen nach drei Monaten waren … alles, was uns zu unserem Glück fehlt, ist die endgültige Zusage des Vermieters und der Mietvertrag. Und deswegen sitze ich jetzt hier und scharre mit den Füßen und warte, dass der Makler zurück ruft und hab Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen und Zahnschmerzen vor lauter Aufregung.