„Wo sind all die Indianer hin?“, sangen pur vor einigen Jahren. Ich frag mich eigentlich immer eher „Wo kamen diese Indianer eigentlich her?“ Was ich damit meine, ist, woher wusste ich mit drei Jahren, wer Winnetou war? Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das da schon gewusst habe. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, wo ich nicht wusste, wer Winnetou war. Dabei hatte ich mit drei Jahren mit Sicherheit noch keinen Karl-May-Film gesehen, geschweige denn, ein Karl-May-Buch gelesen. Mein Fernsehkonsum beschränkte sich da auf die Sesamstraße und die Sendung mit der Maus (die kam donnerstags). Und meinen Altersgenossen ging es doch wahrscheinlich ähnlich. Aber das Wissen um Cowboys und Indianer, das wurde irgendwie, jeglicher pazifistischer Erziehungsbemühungen zum Trotz, wie durch eine Verschwörung von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben. Als ich drei war, war ich zu Karneval Indianer. Mit roten Fransen an der Jeansjacke und einem Gummi-Tomahawk (das Wort kannte ich da auch schon, obwohl ich doch meistens „Hackebeil“ gesagt hab). Das weiß ich noch so genau, weil wir auf einer Karnevalsparty im Casino waren (ja, einem echten Spielcasino … mein Onkel Carlos hat uns dahin mitgenommen, meinen älteren Cousin, ein Nachbarmädchen und mich) und die älteren hatten alle schon so Flänchen-Pistolen oder noch besser die mit den Plastikringen, die viel lauter geknallt haben. Und ich durfte noch keine (hätte mich wahrscheinlich auch nicht getraut, die zu schießen, weil die doch so geknallt haben). Und ich durfte nicht mal meinen Gummi-Tomahawk behalten, nachdem ich damit auf ein anderes Kind losgegangen bin. Das führte zu reichlich Tränen und einem mittleren Affenaufstand meinerseits, der von den Erwachsenen mit einem lapidaren „Indianer weinen nicht“ unterdrückt wurde. Scheiß-Argument, wenn man gerade ungerechterweise entwaffnet wurde. Aber man sieht, selbst die Erwachsenen haben mit dafür gesorgt, dass man auch als Kleinkind schon eine Menge über Cowboys und Indianer wusste. Statt „Schneidersitz“ wurde auch ab und zu „Indianersitz“ gesagt … war ja auch irgendwie cooler … nix gegen Schneider, aber die hatten eher einen schlechten Ruf („Herein wenn’s kein Schneider ist“, sagte meine Mutter immer, wenn es irgendwo klopfte … klang nicht so, als wollte man Schneider im Haus haben). „Indianer kennen keinen Schmerz“, hieß es, wenn man hingefallen war. Über Cowboys gab es weniger cooles zu sagen (nen Cowboysitz gabs aber auch, so auf einem Knie abgehockt), nur, dass die in der Regel die besseren Gewehre hatten und am Ende meiste gewonnen haben, weswegen die meisten Jungs dann im Zweifel doch lieber Cowboy sein wollten. Ich auch, im nächsten Jahr Karneval, aber das durfte ich nicht, zumindest nicht im Kindergarten, weil wir da alle irgendwas mit Zirkus werden sollten … darum musste ich dann Clown werden … dabei fand ich Clowns noch uncooler als Schneider. Und dann hat sich auch noch ein Junge aus meiner Gruppe durchgemogelt und ist doch als Cowboy gekommen … als Messerwerfer. Fand ich total gemein, dass der durfte und ich nicht. Cowboy war ich dann nur auf der Straße, in dem Jahr auch schon mit Flänchen-Pistole. Ich glaube, Cowgirls waren da noch nicht erfunden. Da haben wir schon in Windberg gewohnt und ich habe mir Straßenschlachten mit Sven und Dieter geliefert. Wir wussten, wie man Feuerschutz gibt, wie man Blutsbrüderschaft schließt, wie man in Deckung ging und Sven hat mir beigebracht, wie ein Indianer zu ringen. Woher er das wusste, weiß ich nicht. Aber der hatte einen älteren Bruder und war auch selbst schon zwei Jahre älter, wahrscheinlich durfte der schon Western im Fernsehen angucken.
Mein Cousin Michael ist fünf Jahre älter als ich, der hat mir auch allerhand Indianerflausen in den Kopf gesetzt. Der hatte auch so Karl-May-Schallplatten und sogar ein paar von den Büchern. Wahrscheinlich kannte ich Winnetou daher. Von Michael hab ich damals auch das erste Wort „lesen“ gelernt. Lange bevor ich meinen eigenen Namen erkennen oder schreiben konnte, konnte ich nämlich schon zielsicher einen Schriftzug ausmachen und vorlesen … „Silberpfeil“. Das waren so Comic-Heftchen über einen jungen Kiowa Häuptling und seinen weißen Freund Falk. Eine Schwester hatte der auch noch … „Mondkind“, die hatte einen kleinen Puma. Wie der hieß, weiß ich nicht mehr so genau. Ich glaube, Tinka. Jedenfalls waren Silberpfeil und Falk quasi das Bastei-Pendant zu Winnetou und Old Shatterhand. Und dann hatte ich noch so Plastikfiguren, die hatten wir damals auch alle, konnte man prima spannende Geschichten mit spielen.
Außer Cowboys und Indianern kannte man noch Piraten und Robin Hood. Über die wusste man auch schon seit frühester Kindheit bescheid. Ich frag mich, ob das heute immer noch so ist. Bilden die Kindern in den  Kindergärten heute immer noch Banden und spielen Cowboy und Indianer? Oder spielen die Counterstrike auf dem KiTa-Gelände?