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Ich hab mich heute morgen mit dem Busfahrer gestritten. Ich hatte meine 1,40 Euro für ein Kurzstreckenticket schon abgezählt in der Hand, da sagt der doch zu mir: tut mir Leid, ich kann Ihnen kein Kurzstreckenticket verkaufen, dies ist ein Überlandbus. Das traf mich etwas überraschend, fahre ich im Winter diese Strecke doch regelmäßig und konnte da bisher immer ein Kurzstreckenticket erwerben. Der Busfahrer beharrte aber auf seinem Standpunkt und wollte 2,30 Euro von mir. Die hatte ich grad nicht griffbereit und fühlte mich außerdem im Recht. Zur Stärkung meines Standpunktes, dass das sehr wohl geht, konnte ich ihm sogar meine Busfahrkarte vom Vortag unter die Nase halten, die ich noch in der Tasche hatte. Gleiche Buslinie, gleiche Strecke, gleiches Busunternehmen. Doch der Fahrer blieb hart. Er könne keine Kurzstreckentickets verkaufen, die gäbe es laut Liste nur am Ticketautomaten und im Vorverkauf. Da hab ich überhaupt nicht schnell genug geschaltet. Der Witz an den Kurzstreckentickets ist nämlich, dass es die gerade NICHT im Vorverkauf gibt. Auch gar nicht geben kann, weil die nämlich ab Einstiegshaltestelle 4 Stationen weit gelten. Es sind darum in Münster die einzigen Tickets, die man eben NUR im Bus kaufen kann. Nicht umgekehrt. Das fiel mir aber erst später ein, als ich ziemlich angepisst aus dem Bus wieder ausgestiegen war und mich zu Fuß auf den Weg gemacht habe.

Da fiel mir eine ganze Menge ein: dass der Busfahrer die Strecke normalerweise wahrscheinlich nicht fährt und sowieso genervt war, weil er Silvester arbeiten muss, dass ich noch eine Viererkarte für den Normalpreis in der Tasche gehabt hätte und so zwar ein paar Cent mehr bezahlt hätte, aber doch wenigstens trocken und ohne Rutschpartie bis zur Eissporthalle gekommen wäre, dass es wahrscheinlich völlig blöd war, sich wegen 90 Cent so anzustellen und dass es erstens nix bringt und zweitens albern wäre, sich darum jetzt bei der VGM zu beschweren. Obwohl, das ist schon das zweite Mal, dass mir ein Busfahrer eine höhere Preisstufe aufdrängen wollte. Neulich nach Ibbenbüren hab ich auch schonmal zu viel bezahlt, weil der Busfahrer auf dem Schlauch stand. Sowas ärgert mich. Die Busse sind eh wahnsinnig teuer. Auf jeden Fall bin ich also ärgerlich durch den matschigen Schnee gestapft und hab mich erst über den Busfahrer geärgert und dann zunehmend über mich selbst, weil mir so langsam aufging, dass man die Situation wahrscheinlich auch deutlich entspannter hätte lösen können, wenn ich nicht so ein Dickschädel wäre und die Sache gelassener hätte sehen können. Und dass ich jetzt wahrscheinlich dazu beigetragen habe, dass der arme Busfahrer Magengeschwüre kriegt. Das tat mir dann schon fast wieder Leid (obwohl ich natürlich immer noch der Meinung bin, dass ich im Recht war). Während ich also darüber nachgrübelte, ob ich jetzt wohl negative Karmapunkte gesammelt habe und im nächsten Leben darum als Ratte wiederkommen muss, lag plötzlich vor mir im Schnee so ein Leuchtdioden-Fahrradrücklicht. Das hat mich dann endgültig besänftigt, denn das hätte ich natürlich nicht gefunden, wenn ich mit dem Bus gefahren wäre. Ich hab das dann einfach mal als ein Geschenk der Götter betrachtet und als Hinweis darauf, dass ich mir um mein Karmakonto nicht soviel Sorgen machen muss. Tut mir aber Leid um den armen Kerl, der es verloren hat … was der wohl karmamäßig so verbockt haben mag …

„Wo sind all die Indianer hin?“, sangen pur vor einigen Jahren. Ich frag mich eigentlich immer eher „Wo kamen diese Indianer eigentlich her?“ Was ich damit meine, ist, woher wusste ich mit drei Jahren, wer Winnetou war? Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das da schon gewusst habe. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, wo ich nicht wusste, wer Winnetou war. Dabei hatte ich mit drei Jahren mit Sicherheit noch keinen Karl-May-Film gesehen, geschweige denn, ein Karl-May-Buch gelesen. Mein Fernsehkonsum beschränkte sich da auf die Sesamstraße und die Sendung mit der Maus (die kam donnerstags). Und meinen Altersgenossen ging es doch wahrscheinlich ähnlich. Aber das Wissen um Cowboys und Indianer, das wurde irgendwie, jeglicher pazifistischer Erziehungsbemühungen zum Trotz, wie durch eine Verschwörung von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben. Als ich drei war, war ich zu Karneval Indianer. Mit roten Fransen an der Jeansjacke und einem Gummi-Tomahawk (das Wort kannte ich da auch schon, obwohl ich doch meistens „Hackebeil“ gesagt hab). Das weiß ich noch so genau, weil wir auf einer Karnevalsparty im Casino waren (ja, einem echten Spielcasino … mein Onkel Carlos hat uns dahin mitgenommen, meinen älteren Cousin, ein Nachbarmädchen und mich) und die älteren hatten alle schon so Flänchen-Pistolen oder noch besser die mit den Plastikringen, die viel lauter geknallt haben. Und ich durfte noch keine (hätte mich wahrscheinlich auch nicht getraut, die zu schießen, weil die doch so geknallt haben). Und ich durfte nicht mal meinen Gummi-Tomahawk behalten, nachdem ich damit auf ein anderes Kind losgegangen bin. Das führte zu reichlich Tränen und einem mittleren Affenaufstand meinerseits, der von den Erwachsenen mit einem lapidaren „Indianer weinen nicht“ unterdrückt wurde. Scheiß-Argument, wenn man gerade ungerechterweise entwaffnet wurde. Aber man sieht, selbst die Erwachsenen haben mit dafür gesorgt, dass man auch als Kleinkind schon eine Menge über Cowboys und Indianer wusste. Statt „Schneidersitz“ wurde auch ab und zu „Indianersitz“ gesagt … war ja auch irgendwie cooler … nix gegen Schneider, aber die hatten eher einen schlechten Ruf („Herein wenn’s kein Schneider ist“, sagte meine Mutter immer, wenn es irgendwo klopfte … klang nicht so, als wollte man Schneider im Haus haben). „Indianer kennen keinen Schmerz“, hieß es, wenn man hingefallen war. Über Cowboys gab es weniger cooles zu sagen (nen Cowboysitz gabs aber auch, so auf einem Knie abgehockt), nur, dass die in der Regel die besseren Gewehre hatten und am Ende meiste gewonnen haben, weswegen die meisten Jungs dann im Zweifel doch lieber Cowboy sein wollten. Ich auch, im nächsten Jahr Karneval, aber das durfte ich nicht, zumindest nicht im Kindergarten, weil wir da alle irgendwas mit Zirkus werden sollten … darum musste ich dann Clown werden … dabei fand ich Clowns noch uncooler als Schneider. Und dann hat sich auch noch ein Junge aus meiner Gruppe durchgemogelt und ist doch als Cowboy gekommen … als Messerwerfer. Fand ich total gemein, dass der durfte und ich nicht. Cowboy war ich dann nur auf der Straße, in dem Jahr auch schon mit Flänchen-Pistole. Ich glaube, Cowgirls waren da noch nicht erfunden. Da haben wir schon in Windberg gewohnt und ich habe mir Straßenschlachten mit Sven und Dieter geliefert. Wir wussten, wie man Feuerschutz gibt, wie man Blutsbrüderschaft schließt, wie man in Deckung ging und Sven hat mir beigebracht, wie ein Indianer zu ringen. Woher er das wusste, weiß ich nicht. Aber der hatte einen älteren Bruder und war auch selbst schon zwei Jahre älter, wahrscheinlich durfte der schon Western im Fernsehen angucken.
Mein Cousin Michael ist fünf Jahre älter als ich, der hat mir auch allerhand Indianerflausen in den Kopf gesetzt. Der hatte auch so Karl-May-Schallplatten und sogar ein paar von den Büchern. Wahrscheinlich kannte ich Winnetou daher. Von Michael hab ich damals auch das erste Wort „lesen“ gelernt. Lange bevor ich meinen eigenen Namen erkennen oder schreiben konnte, konnte ich nämlich schon zielsicher einen Schriftzug ausmachen und vorlesen … „Silberpfeil“. Das waren so Comic-Heftchen über einen jungen Kiowa Häuptling und seinen weißen Freund Falk. Eine Schwester hatte der auch noch … „Mondkind“, die hatte einen kleinen Puma. Wie der hieß, weiß ich nicht mehr so genau. Ich glaube, Tinka. Jedenfalls waren Silberpfeil und Falk quasi das Bastei-Pendant zu Winnetou und Old Shatterhand. Und dann hatte ich noch so Plastikfiguren, die hatten wir damals auch alle, konnte man prima spannende Geschichten mit spielen.
Außer Cowboys und Indianern kannte man noch Piraten und Robin Hood. Über die wusste man auch schon seit frühester Kindheit bescheid. Ich frag mich, ob das heute immer noch so ist. Bilden die Kindern in den  Kindergärten heute immer noch Banden und spielen Cowboy und Indianer? Oder spielen die Counterstrike auf dem KiTa-Gelände?

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