Langsam werd ich noch bekloppt. Jetzt warten wir seit mindestens drei Wochen darauf, ob wir das nette kleine Haus zwischen Ibbenbüren und Mettingen, das wir uns ausgeguckt haben, nun mieten dürfen oder nicht. Und ich rechne ja mit allen möglichen Widerständen … das die Leute was gegen zwei Frauen haben, die zusammen leben wollen (immerhin ist das da katholisch und auf dem Land … ich weiß von einem Fall gar nicht weit von da weg, wo zwei Männer jedenfalls nicht einfach so zusammen leben konnten, ohne dass die Leute reden), dass die Vermieter Bedenken haben, weil Elisa Hartz4-Empfängerin ist, dass sie was gegen unsere Atelier- und Hofcafé-Pläne haben, dass sie keine Ziegen auf ihrem Grundstück haben wollen, dass sie Angst haben, dass wir ohne männliche Verstärkung mit der Gartenpflege und dem Grundstück überfordert sind … Ich kann mir wirklich viele gute Gründe überlegen, warum man uns nicht als Mieter haben will. Aber das ist es alles angeblich gar nicht. Nein. Unsere vielleicht zukünftigen Vermieter machen sich Sorgen, weil wir kein Auto haben. Das lässt mich ehrlich gesagt eher sprachlos. Wenn sich meine Eltern Sorgen machen, dass ich ohne Auto irgendwo auf dem Land leben will, dann verstehe ich das. Die dürfen das. Die kennen mich aber ja nun schon eine Weile und haben sich mehr oder weniger damit abgefunden, dass ich mit dem Fahrrad und Bus auch ganz gut klar komme. Immerhin wohne ich ja im Moment auch nicht in der Innenstadt, sondern ebenso weit aus Münster raus, wie ich dann eben aus Ibbenbüren oder Mettingen raus wohnen würde. Zugegeben, hier muss ich keinen Hügel hoch, um aus der Stadt nach Hause zu kommen, aber dafür kann ich hier auch keinen Hügel runter rollen, um von zu Hause in die Stadt zu kommen. Wir reden von einer Entfernung kleiner 5 km. Für die Mädels hält ein Schulbus direkt vor der Tür. Und überhaupt … das ist doch wohl unser Problem.

Ich meine, wie lange ist es her, dass noch nicht jeder ein Auto hatte? Weniger als 50 Jahre, würde ich behaupten. Da sollte es doch in den Köpfen der Menschen noch vorstellbar sein, dass man auch ohne Auto leben kann? Auch wenn man nicht in der Stadt wohnt. Ich meine, gut, früher gab es vielleicht mehr Geschäfte in den kleinen Ortschaften (wobei ich nicht glaube, dass es zwischen Ibbenbüren und Mettingen früher mehrere Tante Emma Läden gegeben hat … der nächste Supermarkt ist gerade mal 2 km von „unserem“ Haus weg … der nächste Baumarkt 1,5 km … da kann ich doch locker zu Fuß hingehen). Dafür gibt es heute für fast jeden Scheiß einen Bestellservice, wenn einen denn wirklich die Einkaufswut überkommt.

Ich hab gar kein Problem damit, wenn andere Leute aus Bequemlichkeit nicht auf ihr Auto verzichten wollen (na gut, vielleicht hab ich ein Problem damit, aber ich werde da niemandem rein reden). Aber es kotzt mich an, wenn andere Leute darüber urteilen, dass ich ein Auto brauche. Es ist kein Zufall, dass ich kein Auto mehr habe. Ich hab das nicht irgendwo verloren oder so. Ich habe mich ganz bewusst gegen ein Leben mit Auto entschieden, weil ich das Auto für eines der größten Übel unserer Gesellschaft halte. Und zwar weder wegen des CO2-Ausstoßes noch wegen der Verkehrstoten, obwohl das beides gute Gründe wären, sondern weil Autos Menschen zu abgestumpften Idioten machen, denen jeder Kontakt zur Realität, zu ihren Mitmenschen und zu der Welt, die sie umgibt, verloren geht. Autofahren ist eine Sucht, eine fundamentalistische Religion, die keine Ungläubigen neben sich duldet, die von allen Lebewesen einen Tribut fordert, den wir keinem Gott, keinem Herrscher und keiner staatlichen Institution zu zahlen bereit wären, materiell genauso wie ideologisch. Wir opfern dem Auto die Luft, die wir atmen, die Stille, wir opfern ihm fruchtbaren Boden, sauberes Wasser, Zeit und die Sicherheit unserer Kinder. Und das alles, weil wir individuelle Mobilität mit Freiheit verwechseln.

Tschuldigung … ich hab gerade so einen persönlichen David gegen Goliath Moment. Aber mit dem Auto ist das so ähnlich wie mit der roten Pille in Matrix. Wenn man einmal ausgestiegen ist, kann man die Welt nie wieder so sehen wie vorher. Es gibt keinen Weg zurück. Wenn ich mir jetzt wieder ein Auto anschaffen würde, dann würde ich das als Verrat empfinden, als ein Verbrechen an der Welt und der Menschheit, geradezu. Ich sehe mein Leben ohne Auto als einen Kampf für eine gute Sache. Und dann macht es mich wütend, wenn jemand kommt und sagt: „Ohne Auto kann man hier aber nicht leben.“ Ich gebe ja zu, dass es Orte auf der Welt gibt, wo man das wirklich nicht kann. Ist die Frage, ob man dann da leben sollte. Ich persönlich sollte es nicht. Darum war die Ortswahl ein so wichtiger Faktor bei der Haussuche. Aber an einem Platz, wo zwei Städte mit allen Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten und Schulformen in weniger als 5 km Entfernung liegen, wo ein Bahnhof in weniger als 5 km Entfernung liegt, wo ein Schulbus vor der Tür hält, wo es für den Notfall Taxen und einen Pizzaservice gibt, da kann man verdammt nochmal auch ohne eigenes Auto leben. Und dass es Menschen gibt, die sich das noch nicht einmal mehr vorstellen können, das ist für mich ein weiterer Beweis dafür, wie mächtig der Gott Auto in unserem Land so ist.