Als ich vor ein paar Monaten den Dokumentarfilm „Gasland“ gesehen hab, hab ich mich noch entspannt zurück gelehnt und gedacht: „Guck mal, die Amis wieder mit ihren Umweltsauerein.“ Ich war mir ziemlich sicher, dass die Förderung nach sogenannten „unkonventionellen“ Gas und das dafür erforderliche „Fracing“ in Deutschland nicht passieren wird. Ein Irrtum, wie ich nun leider feststellen muss.

Worum geht es dabei? Ähnlich wie auch Erdöl lagert Erdgas nur in Ausnahmefällen in großen Hohlräumen im Boden aus denen es bequem entweicht, wenn man diese Blase dann anbohrt. Der weitaus größere Teil des Erdgases ist in winzigen Löchern und Spalten im Gestein gespeichert. Um an dieses Gas herankommen zu können, haben Energiekonzerne ein Verfahren entwickelt, bei dem große Mengen Wasser unter hohem in die gasführenden Schichten gepresst werden und das Gas so herauspressen. Das ist das sogenannte „hydraulic fracturing“ oder eben kurz Fracing. Das Verfahren wird in den USA seit ca. 20 Jahren eingesetzt, jedoch erst seit ca. 5 Jahren in großem Stil und mit kommerzieller Bedeutung, vor allem in Wyoming und Pennsilvania. Die Folgen, die dieses Verfahren hat, sind nur allzu deutlich erkennbar. Leider ist es nämlich nicht so, dass reines Wasser zum Herauspressen genutzt wird. Vielmehr sind eine Vielzahl chemischer Substanzen beigemischt, die das Verschlammen der Rohrleitungen verhindern sollen. Einige dieser Substanzen sind giftig und/oder krebserregend. Somit werden nicht nur für jeden Frac-Vorgang viele Millionen Liter Trinkwasser „verbraucht“, sondern es entsteht auch eine riesige Menge hochgradig verseuchten Abwassers. In Amerika wird dieses verbrauchte Fracking-Fluid meist in offenen Teichen endgelagert. Dass so etwas keine gute Idee ist, wissen wir wohl spätestens seit der Bauxitschlamm-Katastrophe in Ungarn vor einigen Wochen.

Schlimmer noch: die giftige Flüssigkeit wird ja durch den Boden gepumpt. Jetzt kann man natürlich hoffen, dass die gasführenden Schichten tief genug liegen, um keine direkte Verbindung zum Grundwasser zu haben. Die Betreiberfirmen beteuern auch immer wieder, dass das so ist und das Fracing-Fluid auf keinen Fall in den Wasserkreislauf gelangen kann. Trotzdem sind in den Gebieten, in denen längere Zeit hydraulic fracturing betrieben wurde, die Brunnen vergiftet, entweder durch das Fracing-Fluid oder durch ins Wasser eindringendes Gas. Die wohl beeindruckendsten Bilder aus Gasland sind die, wo ein Farmer seinen Wasserhahn aufdreht und das ausströmende Gemisch anzündet. Das möchte man nun echt nicht in der Küche haben.

Außerdem scheint es generell keine gute Idee zu sein, große Mengen Wasser mit Druck in den Boden zu pumpen, wie ein Erdwärme-Experiment in Basel vor ein paar Jahren gezeigt hat. Erdwärme zum Heizen und zur Stromerzeugung funktioniert mit heutiger Technik nur, wo in nicht allzu großer Tiefe geothermisch aufgeheiztes Wasser zu finden ist. Das ist in einigen Gebieten in Mitteleuropa der Fall, aber lange nicht so häufig, wie man gerne hätte. Darum kam ein experimentierfreudiger Wissenschaftler auf die Idee, einfach Wasser in eine geothermisch aufgeheizte Gesteinsschicht in 5000 m Tiefe zu pumpen, das Wasser dort aufwärmen zu lassen und durch ein zweites Bohrloch wieder an die Oberfläche zu befördern. Die Versuche mussten nach kurzer Zeit eingestellt werden, weil immer wieder leichte Erdbeben ausgelöst wurden.

Bei einem anderen noch bekannteren Erdwärmezwischenfall in Staufen im Breisgau kam bei einer Bohrung Grundwasser mit einer Gips-Keuper-Schicht in Berührung. Gips-Keuper ist ein Kalziumsulfat. In Verbindung mit Wasser entsteht Gips und dabei dehnt es sich aus. Große Teile der Staufener Altstadt sind inzwischen ein Fall für die Abrissbirne.

Diese beiden Vorfälle haben mit Fracing erstmal nichts zu tun, sind aber ein Hinweis darauf, dass uns der Untergrund ungefähr so vertraut ist wie die Tiefsee. Wir stochern da sprichwörtlich im Dunkeln und wissen nicht, was passiert, bis es passiert. Eine Behauptung wie „das Fracing-Fluid kann nicht mit dem Grundwasser in Berührung kommen“ klingt in Anbetracht dieser Umstände ein wenig hohl.

Jetzt soll Fracing auch nach Deutschland kommen. Exxon hat bereits erste Probebohrungen bei Damme in Niedersachsen unternommen, und auch in NRW sind die Vorbereitungen im vollen Gange.

Ich meine, gut, ich hab auch gerne Gas, ohne Gas hab ich kein Heißwasser und ich hasse kalt duschen. Aber im Zweifel ist mir trinkbares Wasser und Umweltschutz dann doch wichtiger.

Gasland sei jedem ans Herz gelegt, neben den Landschaften, die da gezeigt werden, macht sich Garzweiler II aus wie ein Feriengebiet. Und danach weiß man hoffentlich, was man für Deutschland nicht will: unkonventionelle Gasförderung.