Ich hätte mich in den Arsch beißen können (entsprechende Gelenkigkeit vorausgesetzt), als vor ein paar Tagen ein Schreiben vom Amt in meinem Briefkasten landete. Mein Personalausweis, so hieß es da, sei vor kurzem abgelaufen, ich möge mich doch bitte baldmöglichst beim Bürgeramt einfinden (das heißt hier echt so), um einen neuen zu beantragen. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, vor dem Stichtag hinzugehen, um meinen alten Perso nochmal verlängern zu lassen. Dumm gelaufen.

Erstmal also zu Photo-Horst oder so, um neue Passbilder machen zu lassen. Biometrisch müssen die sein, stand im Schreiben. Die Prozedur ähnelte der von erkennungsdientlichen Fotos … nur eine Nummer musste ich nicht in die Hand nehmen. Aber den Kopf bitte ganz gerade und, nein, auf keinen Fall die Mundwinkel hochziehen. Lächeln ist auf den Fotos nicht erlaubt. Das fällt mir schwer. Ich, früher als Muffelkopf verschrien, habe mir in jahrelangem Training einen Lächelreflex angewöhnt, wann immer eine Kamera auf mich gerichtet wird. Von den vier Aufnahmen, die die Fotographin macht, sind zwei wegen Lächelns nicht zu gebrauchen, auf einem weiteren guck ich wie eine Comicfigur der man gerade eine sehr schwere Rechenaufgabe gestellt hat (Kommentar der Fotographin: „Grimassen ziehen dürfen Sie natürlich auch nicht“), bleibt also nur das Bild, auf dem ich aussehe wie eine russische Spionin kurz vor ihrem Ausbruch aus dem Frauenknast. Jetzt verstehe ich … der neue Ausweis dient dazu, dass schonmal prophylaktisch alle wie Verbrecher aussehen, da ist die Hemmschwelle für die Polizei, eine Verhaftung vorzunehmen, dann nicht so hoch.

Weiter zum Amt. Während ich warte, dass meine Nummer aufgerufen wird, kommen noch mindestens acht weitere Personen, die alle einen neuen Personalausweis beantragen wollen … diese Anschreibeaktion der Stadt scheint ein voller Erfolg zu sein. Schließlich darf ich mit meinen Verbrecherfotos bewaffnet endlich zum Sachbearbeiter vorrücken. Der macht das alles ganz routiniert. „Wollen Sie Ihre Fingerabdrücke mit aufnehmen lassen?“ Die Frage trifft mich völlig unvorbeitet. „WAS? Nein!“, rufe ich, vielleicht etwas zu laut, jedenfalls gucken die Leute aus dem Wartebereich beunruhigt zu mir rüber. Ich überlege mir, ob der Sachbearbeiter wohl heimlich unter dem Tisch den Alarmknopf für den Sicherheitsdienst gedrückt hat und schaue mich schonmal diskret nach Fluchtwegen um. Ein bisschen fühle ich mich wie in Orwells 1984 … warum sollte irgendjemand freiwillig seine Fingerabdrücke erfassen lassen?

Der Sachbearbeiter schneidet mit ernster Miene eine Ecke von meinem Perso ab. „Das dürfen Sie nicht!“, will ich rufen, „der gehört doch der Bundesrepublik Deutschland, steht drauf!“ Aber es ist schon zu spät. So vier bis sechs Wochen wird es dauern, bis der neue Ausweis fertig ist. So lange bin ich jetzt eine Unperson … eine Nichtexistenz.