Irgendwie ist es ja albern, sich über einen Erfolg zu freuen, an dem man keinerlei Anteil hatte. Mit meinem Nationalstolz ist es gewöhnlich nicht so wahnsinnig weit her und wenn ich denn doch mal einen Anlass verspüre, auf Deutschland stolz zu sein, dann hat das gewöhnlich nix mit Fußball zu tun.

Andererseits bin ich aber doch in Mönchengladbach geboren. Und das ist irgendwie eine Stadt, wo die kleinen Jungs alle mit Fußballschuhen an den Füßen auf die Welt kommen und die kleinen Mädchen sich ihre ganze Kindheit lang darüber ärgern, dass sie keine kleinen Jungs sind und darum auch keine Fußballschuhe haben. Oder so ähnlich. Will sagen, man kann noch so sehr behaupten, Fußball doof zu finden und versuchen, sich der Faszination zu entziehen, es holt einen doch immer wieder ein.

Außerdem muss man die deutsche Mannschaft in dieser WM einfach lieb haben (außer man ist Ghanaer, Engländer oder Argentinier, dann ist man entschuldigt). Die Jungs haben nicht nur einen hohen Niedlichkeitsfaktor, nein, die spielen auch noch traumhaften Fußball. Genaugenommen finde ich, die spielen diesmal noch schöner als 2006, mit mehr Leichtigkeit und Spielfreude. Und vor allem Özil hat ein so gutes Gefühl dafür, wo seine Mannschaftskameraden gerade sind bzw. wo sie in exakt zwei Sekunden sein werden, wenn sein Pass ankommt, dass es eine wahre Freude ist. Müller ist schier unglaublich. Schweini auch. Und bei Klose freut man sich einfach, dass Jogi Löw nie aufgehört hat, an ihn zu glauben, aller böser Stimmen zum Trotz.

Ich gucke gerne Fußball. Und weil ich viel zu wenig Ahnung vom Fußball habe, höre ich mir sogar gerne an, was der Kommentator so zu sagen hat. (Und auch was der Experte im Studio danach zu sagen hat, es sei denn, das ist Günther Netzer … warum wird der eigentlich alle vier Jahre wieder eingeladen? Der Typ geht doch echt mal gar nicht.). Wenn ich Fußball gucke, will ich also wirklich das Spiel sehen. Ich will nicht von rechts mit einer Vuvuzela ins Ohr getrötet bekommen, nicht zwischen 1000 anderen nassgeschwitzten schreienden Fans eingekeilt nur einen Bruchteil der Leinwand sehen können und brauche auch sonst keine „Stimmung“ um mich herum. Ich bin eigentlich vollauf damit zufrieden und beschäftigt, die 22 plus 3 Personen im Blick zu halten, um die sich das ganze dreht. (Seit wann tragen eigentlich die Schieris kein schwarz mehr und warum? Bei der letzten WM hatten die plötzlich diese neongelben Sicherheitswesten, als fürchteten sie mitten auf dem Spielfeld von einem LKW überfahren zu werden und inzwischen ist die Farbe scheinbar total egal).

Wie auch immer, jedenfalls hatte ich beschlossen, das Viertelfinalspiel „wir“ gegen Argentinien heute ganz in Ruhe zu Hause zu gucken … ohne Vuvuzelas, halbnackte Fans, kuchenverstreuende Kinder und fachsimpelnde Kollegen. Nur ich, meine Katze und mein Computer.

War eine Scheißidee. Als erstes verabschiedete sich meine Katze, die mag offenbar kein Fußball. Oder vielleicht mag sie es einfach nicht, auf meinem Schoß zu liegen, wenn ich alle paar Sekunden hektisch aufspringe. Jedenfalls hat sie sich in die Küche verzogen. Danach verabschiedete sich (und das fand ich deutlich störender) mein Internet-Stream. Und zwar genau fünf Sekunden vor dem 2:0. Nichts ist nerviger, als wenn der Stream hängenbleibt und durch das geöffnete Fenster dann aus der Ferne Torjubel hereindringt. (Ich weiß nichtmal, wo die gejubelt haben … hier ist doch rundrum nix. Vielleicht haben die auf dem Golfplatz Fußball geguckt oder so) Bis der Stream wieder lief waren jedenfalls auch die Zeitlupenwiederholungen vorbei und ich konnte den Kommentaren nur noch entnehmen, dass Klose das Tor geschossen hat. Hmpf.

Dann wurde die Streamqualität immer schlechter. Fernsehserien sind gestreamt ja noch erträglich, da reicht es oft, die Dialoge hören zu können (der Sound läuft meist ruckefrei durch), aber Fußballspiele sind als Dia-Show jetzt mal gar nicht zu ertragen. Ich hab dann mal ausprobiert, ob es mit Zattoo besser wurde (vorher hab ich den ZDF-Stream geguckt). Wurde es nicht. Hatte vielleicht auch was mit dem Gewitter zu tun, das in just dem Moment einsetzte, aber auf jeden Fall ging gar nichts mehr. Also zurück zum ZDF Stream. Moment, warum steht das denn jetzt 3:0? Ja, genau, das nächste Tor hatte ich also auch verpasst. Arne Friedrich hats wohl geschossen, hab ich nachträglich noch in Erfahrung bringen können. Ist der nicht Abwehrspieler? Aber was solls, wir sind ne Demokratie, bei uns darf jeder machen was er will, Hauptsache er hat Erfolg damit. Lahm spielt ja auch immer vorne mit. Das ist mir aber sowieso noch (durchaus positiv) aufgefallen. Irgendwie sind die deutschen Spieler ziemliche Alleskönner und es beteiligen sich alle sowohl an der Defensive wie auch an der Offensive. Das ist, wie man bei den anderen Mannschaften sieht, nicht unbedingt selbstverständlich.

Jedenfalls hatte ich danach die Schnauze voll vom Internet und wollte auf dem Fernseher in der Küche gucken. Den hab ich aber nicht eingeschaltet bekommen, weil die Steckerleiste kaputt ist. (Außerdem wäre Fußball in schwarz-weiß und mit Schnee auch nicht so toll gewesen, der Fernseher ist ziemlich im Arsch) Ich habe dann stattdessen das Radio angemacht. Das 4:0 hab ich so wenigstens „gehört“.

Soviel also zu dem Versuch, das Spiel ganz in Ruhe zu Hause zu gucken. Ist halt doch nicht so einfach ohne Fernseher. Aber trotzdem schön, dass „wir“ gewonnen haben. Da fällt mir doch gleich mein Lieblingsohrwurm zu ein: „Heul doch nicht, Argentina“