Gestern habe ich mich endlich mal aufgerappelt und bin zum Aikido gegangen. Das wollte ich schon ewig mal machen. Also, genaugenommen überlege ich schon ewig, wieder irgendwie mit Kampfsport anzufangen und habe mich nur noch nicht so richtig entschieden, was ich eigentlich will. Während meines Austauschjahres in Kentucky habe ich Goju Ryu Karate gemacht, in einem entzückenden kleinen Dojo bei Sensei Robert Brown. Robert war für mich mehr als ein Karatelehrer, mehr so eine Art väterlicher Freund in einer Zeit, in der ich das wirklich dringend brauchen konnte. Er war mein ganz persönlicher Mr. Myagi. Eigentlich wollte ich Karate dann zuhause weiter machen, aber das Kampfsportangebot in Mönchengladbach war damals eher mäßig. Es gab eigentlich nur Sportvereine, die das ganze sehr wettkampforientiert betrieben, oder Kampfsportschulen, die in Richtung Straßenkampf/Selbstverteidigung gingen. Das Klientel waren in beiden Fällen spätpubertierende junge Männer, die mangelndes Selbstbewusstsein durch ausgeprägtes Uga-Uga-Verhalten zu überspielen suchten. Nicht meine Welt.

In Münster beim Hochschulsport bin ich dann eine Weile beim Shaolin Kempo gelandet, das vom Stil her dem Goju Ryu Karate nicht unähnlich ist. Aber so richtig wohl gefühlt habe ich mich da nie. Die Gruppe war zu groß und irgendwie inhomogen mit ständig wechselnder Besetzung, so dass für mich nie eine Kontinuität ins Training kam. Ich hatte jede Woche das Gefühl, was völlig neues lernen zu müssen und bin nie wirklich irgendwo angekommen. Zeitgleich habe ich noch mit Judo angefangen. Das lag mir mehr und ich habe mich immerhin bis zur Gelbgurtprüfung durchgeschlagen. Es war ganz schön, einfach so auf der Matte raufen zu können, weil man den anderem beim Judo nicht so leicht verletzt. Einmal hab ich auch ins Ju-Jutsu reingeschnüffelt, aber da bin ich nach dreimal nicht mehr hingegangen, weil ich von den Fallübungen immer tierische Kopfschmerzen gekriegt habe.

Das ist aber alles jetzt schon so lange her, dass es fast schon prähistorisch zu nennen ist und egal, was ich jetzt mache, ich fange eh wieder bei Null an. Also habe ich in den letzten Wochen massenhaft Münsteraner Kampfsportwebseiten gewälzt und versucht, etwas zu finden, was mir sowohl vom Stil wie auch von Trainingszeiten und Trainingsort her liegt. Ich will etwas, wo ich mindestens zweimal in der Woche trainieren kann, weil ich aus Erfahrung weiß, dass mein Körper dann Dinge viel schneller verinnerlicht als wenn ich nur einmal die Woche trainiere. Außerdem habe ich ehrlich gesagt keine Lust, mich zu quälen. Aus der „es muss wehtun, sonst nützt es nichts“ Phase bin ich eindeutig raus. Außerdem versuche ich ja, friedvoll und angstfrei zu leben, das heißt, ich gehe in der Regel davon aus, dass andere Menschen mir nichts Böses wollen. Und selbst wenn ein Konflikt entsteht und eventuell sogar gewalttätig ausgetragen wird, möchte ich eigentlich nur, dass keinem Beteiligten was passiert. Da erscheint mir Aikido ganz passend.

Also habe ich gestern allen meinen Mut zusammengenommen, mein Sportzeug rausgekramt und bin zum Anfängertraining ins Aikikai gefahren. Und ich muss sagen, dass es mir echt gut gefallen hat. Die Atmosphäre war sehr freundlich und offen, der Raum praktisch aber gemütlich und das Training hat sich sehr gut angefühlt. Also, ich hatte zwar zwischenzeitlich das Gefühl, viel zu viele linke Hände und Füße zu haben (vor allem Füße) und die Bewegungen waren auch keinesfalls rund und fließend, wie man sich das nach dem Anschauen diverser Aikido-Videos so vorstellt, sondern mehr abgehackt und mit langen Denkpausen dazwischen, aber ich hatte jetzt auch nicht den Eindruck, mich total dämlich anzustellen. Und ich habe erfreut festgestellt, dass zumindest die Fallübungen aus dem Judo noch sitzen. Das, so hat mir eine mittrainierende Frau versichert, ist eine Menge wert. Glaube ich. Ich habe gesten ungefähr 100 Rollen rückwärts gemacht. Ich möchte überhaupt nicht darüber nachdenken, wie sich mein Körper heute anfühlen würde, wenn ich das nicht wirklich können würde.

Das Aufwärmtraining war toll. Sehr effizient aber nicht zu anstrengend. Mehr Dehnung als Kraft- oder Konditionstraining. Das ist toll, denn sonst hatte ich beim Kampfsport oft das Problem, nach dem Aufwärmen schon so ausgepowert zu sein, dass das eigentliche Techniktraining eher an mir vorbeiging. Und was wirklich toll war, war, dass Fall- und Bewegungsübungen genau zu den später gezeigten Techniken hinführten.  Es war einfach ein richtig gut aufgebautes Training. Außerdem hat der Sensei sehr darauf geachtet, dass die Trainingspartner häufig wechseln und dass immer ein Anfänger mit einem Fortgeschrittenen zusammen trainiert.  Das einzige, was ich mir gewünscht hätte, wäre, noch mehr Zeit für die einzelnen Techniken zu haben, denn so war es so, dass ich gerade erst anfing, den Bewegungsablauf zu begreifen, wenn wir schon zur nächsten Technik übergingen.

Eine endgültige Entscheidung will ich jetzt noch nicht treffen (muss ich auch nicht, das Aikikai bietet einen kostenlosen Probemonat), aber ich kann mir schon vorstellen, dass das mein Sport wird. Das nächste Anfängertraining ist am Dienstag um 20.00 Uhr. Da ich bis 19.30 Uhr in der Schoppe arbeite, wird das etwas knapp, wahrscheinlich muss ich da als Abendessen auf Currywurst mit Pommes ausweichen oder so (klasse Grundlage fürs Training … wenigstens trainiert man die Kalorien gleich wieder runter). Aber ich will da unbedingt wieder hin.

Der Gründer des Aikido, O Sensei Morihei Ueshiba könnte übrigens die Vorlage für Yoda geliefert haben. Also, ich glaube, nicht wirklich, ich glaube, die wirkliche Vorlage für Yoda war irgendein tibetischer Mönch aus dem fünfzehnten Jahrhundert, aber passen würde es. Meister Ueshiba war nur 1,55 m groß und galt trotzdem im Japan seiner Zeit als unbesiegbar. Es gibt Filmaufnahmen von ihm, wo er schon fast 80 ist und seine Gegner mit Techniken zu Boden wirft, die nur wie ein lässiges Achselzucken aussehen. Zum Beispiel hier: