Ein Begriff, der in der nordamerikanischen Anti-Konzern/Peak-Oil/Öko/etc Bewegung große Bedeutung hat und der mir hier bei uns noch nicht in diesem Zusammenhang untergekommen ist, ist der Begriff von „story“ oder „narrative“. Der zugrunde liegende Gedanke ist, dass unser Verhalten durch die Geschichten geprägt ist, die wir glauben. In der deutschen Diskussion spricht man da eher von „Werten“, aber „Story“ gefällt mir besser, zum einen, weil „Werte“ irgendwie … ja … wertend ist und weil „Story“ die Konnotation beinhaltet, dass es sich um etwas Erfundenes handelt. Jeder, der mal einem Kind beim Fernsehen zugesehen hat, weiß, dass kleine Kinder keinen Unterschied zwischen realem Erleben und fiktiver Geschicthe machen. Für ein Kind passiert das, was da auf dem Bildschirm gezeigt wird, wirklich. Jetzt und in diesem Moment. Sie versuchen häufig sogar zu interagieren, indem sie z.B. dem Helden zurufen „Pass auf“, wenn sie sehen, wie er in Gefahr gerät. Dabei ist es egal, ob sie Teletubbies, Terminator oder Tagesschau gucken. Und das liegt nicht nur am visuellen Medium Fernsehen. Auf vorgelesene Geschichten aus Büchern reagieren sie genauso direkt und emotional.

Jetzt könte man ja argumentieren, dass sich das mit der Zeit auswächst, dass Kinder eben irgendwann, vor allem wenn sie vernünftige Eltern, Lehrer und andere Erzieher haben, lernen, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Ich glaube aber, das ist gar nicht so. Zumindst nicht in dem Maße, wie wir uns als vernunftbegabte Wesen das gerne einreden. Was wir lernen ist, dass wir in den direkten Verlauf einer Geschichte im Fernsehen oder in einem Buch nicht eingreifen können und dass es darum unsinnig und unangemessen ist, laut „Pass auf“ zu rufen. Wogegen wir uns aber gar nicht wehren können, ist, dass wir in dem Moment „Pass auf“ denken. Der Vorgang in unserem Kopf ist noch genauso direkt wie als Kind. Rational gefiltert ist lediglich, wieviel von diesem Vorgang wir in Handlung umsetzen. Auch wenn wir also von unserem Intellekt her wissen, dass die Geschichte nicht real ist, glauben wir sie auf emotionaler Ebene trotzdem. Genau deswegen mögen wir Geschichten ja so gerne. Das heißt aber auch, dass Geschichten eine enorme Macht über uns haben.

Das ist das eine. Das andere ist, dass wir uns in vielen Fällen eben nicht klar machen, dass es sich bei dem, was wir (ähnlich wie das Kind bei den Teletubbies) als Realität wahrnehmen, in Wirklichkeit eben auch „nur“ eine Geschichte ist. Das machen sich die Weltreligionen ebenso zu nutze wie Wahlkämpfer und Werbefernsehen. „Die Juden sind unser Unglück“ war eine erschreckend erfolgreiche Geschichte (also, vom Standpunkt der Publikumswirkung, jetzt), moderne Entsprechungen sind „eine florierende Wirtschaft ist gut für alle“, „Konsum macht glücklich“ (meistens getarnt als „seit wir Schauma nehmen fühlt sich dein Haar viel kräftiger an“ o.ä.) oder „der Iran will eine Atombombe bauen“. Und auch ganz persönliche Dinge, z.B. Beziehungen sind im Prinzip Geschichten.

Die Tatsache, dass es sich „nur“ um Geschichten handelt, ist nicht verwerflich. Gegen Geschichten ist nichts zu sagen, und selbst wenn wir was dagegen zu sagen hätten, könnten wir trotzdem nichts dagegen tun, denn seit die ersten Jäger und Sammler abends um ihre Lagerfeuer saßen, werden Informationen, Erfahrungen und Emotionen durch Geschichten kommuniziert. Kultur ist Geschichten. Ausschließlich. (Ein Grabmahl, eine Siegessäule, ein Gemälde, ein Palast: alles Geschichten … Geschichten sind nicht auf verbale Kommunikation begrenzt).

Das ist ein bisschen beängstigend, ungefähr so als würde man statt auf festem Grund auf weichem Sand laufen. An der Vorstellung, dass man es mit einer unumstößlichen Realität zu tun hat, kann man sich besser abstützen und fühlt sich sicherer als auf einem Gebilde aus Fiktion, dass unter einem nachgibt, sich verändert und verschiebt und einen aus dem Gleichgewicht bringt. Andererseits gibt es einem aber auch eine Menge Macht, denn man kann ja selber anfangen, Geschichten zu erzählen. Sandburgen bauen, um im Bild zu bleiben. Außerdem fällt man auf Sand weicher. Wenn man einer Geschichte also nicht gerecht wird, es zum Beispiel nicht schafft, eine Villa, eine Motoryacht, zwei Luxuskarossen und einen eigenen Tennisplatz anzuschaffen, obwohl das laut Geschichte der Weg zum Heil ist, wird man feststellen, dass auch in Mietwohnung und mit Fahrrad das Leben ganz nett sein kann.

Wir brauchen neue Geschichten. Geschichten über Nachhaltigkeit, lokale Strukturen und mehr menschliche Nähe, zum Beispiel. Und wenn es gute Geschichten sind, werden immer mehr Menschen daran glauben. Klingt eigentlich ganz einfach.

Fußnote: „Just So Stories“ ist der Titel einer Kurzgeschichtensammlung von Ruyard Kipling.

Genug der Philosophiererei. Bei meiner eigenen Geschichte, der „Zeitreisen-Akademie“ nämlich, ringe ich im Moment mti den Hauptcharakteren, vor allem mit der Frage, ob ich derer zu viele habe. Das Dilemma ist: für ein einzelnes Buch ja, für die Gesamtserie nicht unbedingt, da brauche ich die eigentlich alle. Aber damit aus der Geschichte eine Serie werden kann, muss ich nunmal ein verdammt überzeugendes erstes Buch aus dem Hut zaubern. Eine Geschichte, bei der ich schon im dritten Kapitel ein Namensregister brauche, um mich zurechtzufinden, ist nicht „verdammt überzeugend“ … sowas konnten sich vielleicht Tolstoi und Tolkien leisten, aber heute wird das einem Anfänger mit Sicherheit nicht nachgesehen.

Es ist aber eine der großen Fragen (ähnlich wie die Gesamtauflösung der Serie), auf die ich eine Antwort finden muss, bevor ich mit der eigentlichen Überarbeitung des ersten Teils anfangen kann, denn daran hängt ja, wen ich alles im ersten Buch als Figur einführen muss. Ich will wieder NaNoWriMo … mehr schreiben, weniger denken.

Gestern war ich bei einem Vorstellungsgespräch in der Frauenstraße 24 (für Nicht-Münsteraner, das ist eine von einem Kulturverein betriebene non-profit Kneipe, die aus der Hausbesetzer Szene hervorgegangen ist). Egal, ob die mich nehmen oder nicht, es war jedenfalls eines der netten Vorstellungsgespräche, die ich je hatte: Freundlich, offen, witzig und trotzdem sachlich. Bestärkt mich trotz des ausgesprochen niedrigen Stundenlohns (die zahlen nur 7 € die Stunde), dass ich lieber in so einem Laden arbeiten will, als in einer großen Firma.

ToDo für den Rest des Tages (ist schon Nachmittag):

  • mich weiter mit meinen ZA-Charakteren rumstreiten
  • Teelichte kaufen
  • Obstwiese hinter Finke angucken und evtl. Äpfel holen